Diana Lüftner erinnert sich noch gut an ihren Aha-Moment. Zwei Jahre ist es her, da bekam sie einen Anruf von einem Kollegen aus der Chirurgie: ob sie sich schnell noch einen Patienten mit Dickdarmkrebs ansehen könne, der kürzlich operiert worden sei und nach Hause wolle? Die Ärztin sagt Ja, der Patient solle einfach in ihrem Büro vorbeikommen. Sie arbeitet weiter, die Tür steht offen. Nach einer Stunde fragt sie, leicht verärgert, an der Anmeldung nach, wo der Patient denn bleibe? Die Antwort: "Der sitzt die ganze Zeit vor Ihrem Büro." Lüftner hatte den Mann gesehen, aber nicht als ihren Patienten erkannt. Der simple Grund: Mit seinen 23 Jahren war er zu jung. "Er passte einfach nicht in mein Schema vom typischen 70-jährigen Patienten mit Dickdarmkrebs", sagt die Ärztin, "ich dachte, er sei die Begleitung von jemandem."

Diana Lüftner ist keine unerfahrene Nachwuchsmedizinerin. Sie ist Expertin für Krebserkrankungen, sie arbeitet als Oberärztin an der Berliner Charité und sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Der Vorfall hat sich ihr eingeprägt, weil er exemplarisch ist: Beim Schlagwort Krebs denkt man zuerst an alte Menschen. Und wenn es um junge Patienten geht, fallen einem Bilder von kranken Kindern ein. All diese Betroffenen haben die Aufmerksamkeit von Ärzten und Öffentlichkeit verdient. "Aber eine Gruppe fällt dabei leicht durchs Raster", sagt Lüftner: "die jungen Erwachsenen mit der Diagnose Krebs."

Diese Patientengruppe hat mit ganz besonderen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Jedes Jahr erkranken in Deutschland etwa 15.000 Menschen zwischen 15 und 39 Jahren an Krebs. Ein junger Körper ist stark, er erträgt Operationen, giftige Chemotherapien und belastende Bestrahlungen besser als ein alter. Das zahlt sich aus, auch deshalb können im Durchschnitt vier von fünf Patienten in dieser Altersgruppe geheilt werden. Die großen Fortschritte in der Therapie von Krebserkrankungen haben zudem dazu geführt, dass die Gruppe der Überlebenden seit Jahrzehnten kontinuierlich wächst. Eine gute Nachricht, aber eine mit Folgen: Wer als junger Mensch gegen den Krebs gekämpft und ihn besiegt hat, dem bleiben noch viele Jahre, in denen Nachwirkungen der Krankheit das Leben prägen können – medizinische, aber auch psychische und soziale.

"In der Onkologie galt es lange als einziges Ziel, dass der Patient den Krebs überlebt", sagt Ulf Seifart, Sozialmediziner und Chefarzt der Rehabilitationsklinik Sonnenblick in Marburg, in der viele Krebspatienten nach ihrer Behandlung landen. "Wir haben uns nicht genug Gedanken gemacht, was passiert, wenn man die Krankheit überstanden hat. Die jungen Überlebenden mit ihren speziellen Problemen rücken erst jetzt langsam in den Fokus, auch weil es immer mehr werden."

Bei vielen ehemaligen Patienten treten noch Jahrzehnte nach der eigentlichen Erkrankung körperliche Spätfolgen auf. Manchmal hängen sie direkt mit dem Krebs zusammen, öfter aber sind es Auswirkungen der intensiven Behandlung. So war es auch bei Benjamin, der im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal an Leukämie erkrankte. Er bekam eine Chemotherapie, wurde bestrahlt und überstand den Blutkrebs. Fünf Jahre später kam die Krankheit zurück, ein sogenanntes Rezidiv. Benjamin schaffte es wieder. Als er 20 Jahre alt war und gerade mitten in der Abiturvorbereitung steckte, gab es wieder ein Rezidiv. "Das war wie ein Schlag ins Genick", sagt Benjamin. "Ich wusste ja, was auf mich zukommt, und ich wusste auch: Es wird nicht leichter." Chemo und Bestrahlung reichten dieses Mal nicht, er brauchte eine Transplantation von Blutstammzellen.

Heute ist Benjamin 32 Jahre alt, lebt in Berlin und verdient sein Geld als Sozialarbeiter. Den Kampf, der hinter ihm liegt, sieht man dem schlaksigen, dunkelhaarigen Mann auf den ersten Blick nicht an. Aber er hat Spuren hinterlassen. Nach dem letzten Rezidiv erlitt Benjamin einen Infarkt des Stammhirns. Weil er so eloquent ist, fällt seine leicht undeutliche Sprache kaum auf. Auch seine künstlichen Hüftgelenke kann man von außen nicht sehen. "Orthopädische Probleme sind eine typische Spätfolge", erklärt er – wie viele ehemalige Krebspatienten ist er inzwischen Fachmann für die eigene Erkrankung. "Wiederholte, intensive Chemotherapien und Ganzkörperbestrahlungen schädigen die Knochen. Bei mir sind ein paar Jahre nach dem letzten Rezidiv die Hüftgelenksköpfe abgestorben und mussten ersetzt werden."

Benjamin kennt den Patienten mit Dickdarmkrebs, der damals eine Stunde vor Diana Lüftners Sprechzimmer warten musste. Kurz nach dem Vorfall wurde mit Geldern der DGHO die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs gegründet, in der sich die beiden engagieren. "Wir wollen die Lücke schließen, dafür sorgen, dass diese Patienten in Zukunft nicht mehr durchs Raster fallen und mehr Aufmerksamkeit und Beistand bekommen", sagt DGHO-Vorstandsmitglied Diana Lüftner.