Die Cranachs feilen also am einheitlichen Stil und malen, malen, malen. Das meistverkaufte Motiv der Werkstatt ist natürlich: Luther. Mehr als 130-mal wurde er von den Cranachs porträtiert, auch auf Vorrat und im kleinen Format, zum Vertrieb auf Messen wie in Cranachs eigenem Buchladen. Die Porträts waren Teil der Konfessionalisierung, und überlebensgroße Reformatorenporträts begründeten sogar ein eigenes Genre. Heute kann man sich Luther gar nicht mehr anders vorstellen als so, wie ihn die Cranachs sahen. Ihr erstes Porträt zum Beispiel, ein Kupferstich von 1520, zeigt einen hageren Augustinermönch, düster und gedankenversunken. Später folgen: Luther mit Doktorhut, Luther mit Bart als Junker Jörg, Luther mit seiner Frau Katharina von Bora, Luther als Prediger und schließlich als friedlich Entschlafener im Leichenhemd.

Erzählt wird eine neue Heilsgeschichte vom kämpferischen Erneuerer, der nimmermüde seine Ideen verkündigt und sie gegen Widerstände verteidigt, der Glück im Privaten findet, der aufsteigt vom Zweifler zum Retter der Kirche – und, als er stirbt, im Reinen ist mit Gott.

Die Cranachs sind eine Marketingmaschine. Nicht nur als Maler, auch als Drucker und Verleger befeuern sie die Verbreitung des neuen Glaubens. Der Vater verlegt Luthers Bibelübersetzung in Auflagen von 3.000 Stück, für damals eine schwindelerregend hohe Zahl. Seine Gebrauchsgrafik prägt einen neuen Stil. Und die Porträts seines Sohnes geben dem Christentum ein neues Gesicht: lebendiger und plastischer als im maskenhaften gotischen Stil. Die Werkstatt dringt in die katholische Verbotszone ein, Luthers Zeitgenossen werden an Jesu Abendmahlstafel platziert, auf Augenhöhe mit dem Erlöser.

Der reformatorische Bildersturm, dem Abertausende Madonnen und Heiligenbilder zum Opfer fallen, hinterlässt eine Leere. Die neuen Kirchen füllen sie bald mit neuen Altarbildern und die reichen Privatleute mit eigenen Epitaphien. Das theologische Fundament und die neue Ikonografie entstehen gemeinsam. Vor allem der prächtige Flügelaltar der Wittenberger Stadtkirche ist ein Beispiel des reformatorischen Selbstbewusstseins: Hier sitzt die Wittenberger Oberschicht am runden Abendmahlstisch, Luther nebst Reformatoren wie Melanchthon und Bugenhagen, dazu Ratsherren, Verleger, Drucker. Den Platz des Judas hat, wie einige Forscher vermuten, Kaspar Schwenckfeldt inne, der aus Sicht des Luthertums Irrlehren verbreitete. Cranach der Jüngere aber ist als bärtiger Mundschenk präsent, der den Wein reicht.

Und die Katholiken? Sie sind Wittenbergs Feindbild, aber auch Cranachs Geldgeber. Hatte Vater Lucas am Kursächsischen Hof noch ein gesichertes Einkommen durch den Protestantismus, so musste der Junior nach der Niederlage des Schmalkaldischen Bundes neue Auftraggeber finden und ließ sich auch von Katholiken engagieren. Für diese Käufer war offenbar nicht mehr die kirchenpolitische Symbolik wichtig, sondern der künstlerische Eigenwert.

Dennoch besteht kein Zweifel an der Gesinnung von Lucas junior: Aufgewachsen mit Luther als väterlichem Freund, gehörte er zur ersten Generation von reformation natives. So attackierte er mithilfe der Kunst kräftig das, was er für den falschen Glauben hielt. Den Papst zeigte er 1545 als behaarte Schimäre mit Fledermausflügeln, schmorend in der Hölle.

Aus demselben Jahr stammt ein propagandistisches Doppelbild: Links predigt Luther von einer schlichten Kanzel herab, über ihm die Taube, also der Heilige Geist, die Gläubigen empfangen Oblaten und Wein. Rechts dagegen predigt ein fetter Mönch zu den Gläubigen, während ein Dämon ihm von hinten ins Ohr pustet, daneben steht der prächtig geschmückte Papst vor einem Tisch voll Juwelen und Gold, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift: "Weil der grosch noch klingt, feret die seel im Himmel". Gott ist in beiden Bildhälften zu sehen, bei den Protestanten als gütiger Vater, umgeben von Putten, bei den Katholiken als zorniger Mann, der einen Hagelsturm zur Erde schickt.

Religion und Politik gehen im Werk der Cranachs nahtlos ineinander über. Kurfürst Johann Friedrich I., in der Schlacht von Mühlberg vernichtend geschlagen, wird auf den Drucken der Cranachs zum Märtyrer. Sein Profil zeigt stets die Wunde, die er sich im letzten Gefecht zugezogen hatte, doch er ist kein Unterlegener, vielmehr ein aufrechter Kämpfer.

So wird Historie ins Heroische gewendet. Ohne die Cranachs als Stimmungsmacher, Netzwerker und Unterstützer, ohne die von ihnen ersonnene Ikonografie hätte sich die Reformation niemals so schnell und erfolgreich verbreitet. Dass ihre Bilder Mittel zum Zweck waren, schmälert ihren künstlerischen Wert ebenso wenig wie im Fall der großen katholischen Kirchenkunst, geschaffen von päpstlichen Lieblingsgenies wie Raffael, Michelangelo oder Bernini.

Jede neue Zeit hat neue Ideen. Sie können Kriege entfachen. Aber wenn die vorbei sind, bleiben die Bilder.