Die beliebteste Fußballerfloskel dieser Tage lautet: "Ich will meiner Mannschaft helfen", und wenn es einen gibt, der den Spruch mit Leben gefüllt hat, so ist es Lukas Podolski. Er hat seiner Mannschaft immer geholfen, früher auf dem Platz, zuletzt aber vor allem dann, wenn er gar nicht gespielt hat.

Er hat seine Kameraden wiederholt vor Schwermut, Verstocktheit, Seelenfraß und Starrsinn bewahrt – den typischen Krisen, die immer dann auftreten, wenn viele Deutsche längere Zeit ohne Alkohol beisammen sind.

Unvergesslich ist mir die folgende Szene. Bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer ging es in Évian, dem deutschen Trainingslager, einmal gar nicht hoch her. Es gab einen sogenannten Vorfall, der offiziell nicht besprochen wurde, weil er a) zu unwichtig und b) viel zu unangenehm war, um erwähnt zu werden. Auf dem Rasen des Trainingslagers jedenfalls stand riesig, selbstzufrieden und gemästet der "Elefant" der maximalen Peinlichkeit und hob triumphierend seinen Rüssel.

Was war geschehen? Der deutsche Trainer Joachim Löw hatte sich am Rand eines Spiels öffentlich in den Schritt gefasst. Über Nacht hatte sich die Szene im Netz zu einer lüstern kommentierten Sensation ausgewachsen. Eine Übersprungshandlung, so könnte man vulgärpsychologisch sagen, diente der damals sehr nervösen Fußballwelt (Terrorangst, Streikgefahr, Hooliganismus) zu entlastend-hysterischem Gelächter.

Podolskis tollkühne Rettungsaktion

The Sun, das englische Pranger-Blatt, beschrieb die Sache so: "The German boss was caught shoving his mitts where the sun doesn’t shine" – Joachim Löw griff dorthin, wo keine Sonne scheint. Und wenn sogar The Sun, die selbst nichts anderes ist als eine unverhüllte Peinlichkeit im Tabloid-Format, sich ins Gewand der rhetorischen Blumigkeit wirft, steht die Sache ernst.

Etwas Irrelevantes war zur Weltnachricht aufgequollen und bedrohte, weil es ja um Fußball ging, den Ruf des ganzen deutschen Volkes – was also tun?

Die Reporter, die Funktionäre des DFB – alle waren, man verzeihe den Kalauer, sehr angefasst. Ein Journalist stellte bei der täglichen Pressekonferenz die Frage, ähem, ja, wie die Sache denn so gehändelt werde im deutschen Lager. Auf dem Podium saß eher zufällig Lukas Podolski, und dieser Sportsmann warf sich nun mit überwältigendem Teamspirit zwischen die fressbereite Öffentlichkeit und den armen Bundestrainer. Er sprach die Worte: "Ich denke, 80 Prozent von euch – und ich – kraulen sich auch mal an den Eiern. Und daher ist alles gut."

Ich war damals in Évian dabei, und wenn ich auch viele andere Spielzüge jener eher mittelmäßigen EM vergessen habe – diese Szene wird mir bleiben. Es war die tollkühnste Rettungsaktion im eigenen Strafraum, die ich im Fußball erlebt habe.

Lukas Podolski geht jetzt nach Japan, sie können dort einen Krampflöser brauchen, einen, der die Dinge beim Namen nennt. Die Japaner sind den Deutschen immerhin darin ähnlich, dass sie ein Volk der unglücklichen Contenance, der Angst vor dem Gesichtsverlust, der starken sozialen Kontrolle sind. Es könnte also sein, dass unser Mann dort einen entscheidenden Beitrag zur Öffnung der Gesellschaft leisten wird. In diesem Sinne:

o-shiawase ni, viel Glück, Lukas Podolski!

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