Die Ausnahmefrau

Ihr Leben erscheint oft als mythisch: Eine 23-jährige, überaus schöne, charmante, aber vollkommen unvorbereitete Prinzessin erbt von ihrem Vater, Kaiser Karl VI., ein verschuldetes riesiges Reich mit unfähigen Generalen und einem korrupten, überalterten Ministerrat. Hyänenartig machen sich andere Mächte daran, dieses Reich weiter zu schwächen, allen voran Friedrich der Große, der sofort in die reiche Provinz Schlesien einfällt. Die Frau kämpft, verliert und wird trotzdem in vierzig Regierungsjahren zur heldenhaften Herrscherin. Sie gebiert fünf Jungen und elf Mädchen, darunter Maria Antonia, die strategisch ins französische Königshaus verheiratet wird. Und Joseph II. der von seiner Mutter keinen Trümmerhaufen erbt, sondern einen soliden Staat.

Maria Theresia von Österreich (1717 bis 1780) ist als eine der mächtigsten Frauen in die Geschichte eingegangen. Wie reizvoll: Es sind gleich zwei Biografien, die jetzt zum 300. Geburtstag der Kaiserin erscheinen. Die eine hat Élisabeth Badinter verfasst, die bekannte französische Philosophin, Historikerin und Feministin. Die Autorin der anderen Biografie, nominiert für den Leipziger Buchpreis, ist die angesehene Münsteraner Frühneuzeit-Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger. Welche Frau haben diese beiden Biografinnen in den Quellen gefunden?

Zuerst die Französin. Élisabeth Badinter fasziniert an der einzigartigen Figur, wie sie ihre so unterschiedlichen Rollen ausfüllt und mit ihren Widersprüchen umgeht: als Regentin, die oft in erschöpfende Kriege verwickelt ist und sich, schon frühmorgens am Kabinettstisch sitzend, akribisch einer Unzahl von Regierungsgeschäften widmet; als Supermutter, die bis zum Alter von 40 Jahren permanent schwanger ist und lange zeremoniell vor den adeligen Hofdamen entbindet; schließlich als hingebungsvoll liebende Gattin eines problematischen Ehemanns, dem sie eigentlich gehorsam zu sein hat und mit dem sie – untypisch für ihre Zeit – das Bett teilt. Außerdem muss Maria Theresia auch ein Mann sein können: In Ungarn wird sie 1741 zum König gekürt, die weibliche Form des Titels existiert nicht. Dafür lernt sie extra, im Herrensattel zu reiten. Zwei Jahre später tritt sie in Prag als Amazone auf.

Badinter hat sechs Jahre lang Tausende Briefe und Berichte gelesen und schreibt mit großer emotionaler Dichte. Sie verweist darauf, dass die reich edierten Quellen oft zensiert sind und eine Spurensuche in Archiven daher unerlässlich ist. Die beredten Äußerungen von Spionen, Verwandten, Beratern und Diplomaten, die Badinter aus den Quellen zitiert, vermitteln ein lebhaftes Bild der eng überwachten Welt halb geöffneter oder auch verschlossener Türen in der Wiener Hofburg, durch die doch jedes Wort dringt. Körperliche Befindlichkeiten werden bis in intime Details ebenso registriert wie emotionale Schwankungen. Nach dem Siebenjährigen Krieg erscheint Maria Theresia oft zornig oder schlicht "unausstehlich". Sie fürchtet Ehrverlust und Erniedrigung. All dies wird zu Papier gebracht und als politische Information in ganz Europa verschickt.

Wir befinden uns zudem in der "weinerlichen Epoche". Herrscher sind keine fernen Autokraten mehr, sondern müssen Gefühlspolitik betreiben und die Zustimmung der Untertanen erobern. Badinter verkennt allerdings, dass dies nicht nur für die Katholikin Maria Theresia gilt, sondern auch für ihren großen männlichen protestantischen Gegenspieler in Berlin. Öffentlich sind zur rechten Zeit Tränen zu vergießen oder ist begeisternde Stärke zu zeigen. Die Untertanen lassen ihren Missmut mitunter tatkräftig spüren. Doch der Legende nach versteht es Maria Theresia, die Bevölkerung sofort mit lockerem Protokoll und unzähligen Privataudienzen als mitfühlende, liebende Landesmutter für sich einzunehmen.

Barbara Stollberg-Rilingers monumentale Biografie aber räumt mit solchen Mythen auf und nähert sich der Geschichte radikal anthropologisch: Es geht ihr nicht um Identifikation oder mögliche Anknüpfungspunkte, sondern um eine Analyse der Fremdheit dieser Zeit. Die Heldin soll man sich geradezu "vom Leib halten". Diese Biografie erkundet nicht individualpsychologisch, wer Maria Theresia wirklich war, sondern sie erforscht die Bedingtheit dessen, wie sie sich als Person erleben und inszenieren konnte. Eine postmoderne Biografie der Regentin also, die keineswegs beansprucht, die einzig richtige Lesart zu bieten, sondern die Konstruiertheit verschiedener Blickrichtungen bravourös aufzeigt und im souveränen Wechsel erzählende, zitierende und analytische Passagen verbindet.

Und dennoch bietet die Historikerin sehr klar ihre eigene Interpretation an. Noch dazu bekommt man hier den weiten Blick auf die Epoche, die Habsburger Geschichte und die des Heiligen Römischen Reichs vermittelt – ein tiefes Verständnis der gewachsenen politischen Gefüge, Werte und Strukturkonflikte, das mit messerscharfem Blick und stilsicheren Formulierungen gleich eine ganze Reihe von Neuinterpretationen eröffnet.

Kein Vorbild für Ausnahmefrauen von heute

Es lohnt sich, Maria Theresia im Kontrast der beiden Biografien zu entdecken, etwa am Beispiel ihrer Schauspielkunst: Als junges Mädchen begeistert sie in Theaterrollen. In dieser Begabung sieht Badinter den Schlüssel zum Erfolg der Kaiserin: Die Herrscherin setzt einerseits weibliche Schwäche ein, um dann aber mit ihren Truppen in den Kampf zu ziehen. Geradezu genial inszeniert sie den kaiserlichen Krönungsakt ihres Mannes als Komödie, um ihre eigene Macht zu betonen. Ihre Strategien gehen meistens auf. Sie ist eine perfekte Schauspielerin – aber das heißt vor allem, wie wiederum Stollberg-Rilinger deutlich macht, dass sie die Bühnen des Öffentlichen und des Privaten zu wechseln weiß. Zwischen Sein und Schein als wahr und falsch unterscheiden zu wollen macht in der Politik wenig Sinn.

Oder der Ehemann: Maria Theresias Gatte Franz Stephan, gebürtiger Herzog von Lothringen, gerät in Badinters Erzählung einmal mehr zu einem unglückseligen Hindernis. Seine Anerkennungsbedürfnisse sind immer schwieriger zu erfüllen, ohne politische Fehler zu begehen. Sie macht ihn nominell zum Mitregenten, aber eigentlich ist er eine Null. Schon in der Schule war er angeblich schlecht, er wird von Karl VI. gedemütigt, ist ein miserabler Feldherr, will sich trotzdem beweisen, hat Affären, ringt zunehmend mit Zornanfällen und Depressionen und zieht sich schließlich in ein Apartment abseits des Hofs zurück, wo er sich mit loyalen Landsmännern und einer Mätresse umgibt.

Ihr gegenüber zeigt sich Maria Theresia großzügig, aber sie verfolgt Ehebruch und "Leichtfertigkeit" bei gewöhnlichen Untertanen und den Hofdamen mit extremer Vehemenz. Als Franz Stephan 1765 stirbt, verbringt Maria Theresia fünfzehn weitere Jahre als Witwe und ringt zunehmend mit den Machtansprüchen und aufgeklärten religiösen Ideen ihres Thronerben. Ihre Kinder werden systematisch kontrolliert und gegeneinander ausgespielt. Schon seit Langem ist die Leibesfülle der Kaiserin so beachtlich, dass sie eher gezogen und getragen wird, als dass sie aufrecht ginge.

Stollberg-Rilinger ordnet jedes dieser bekannten Klischees zielsicher quellenkritisch ein. Maria Theresia ist bestens mit dem Regelwerk der Gunst- und Rangpolitik vertraut, als sie das Regiment übernimmt, also keineswegs politisch unerfahren. Wenn Franz Stephan als lernunwillig gilt, so sagt das am meisten über die Spannungen zwischen hochadeligen Zöglingen und bürgerlichen Erziehern aus. Maria Theresia schreibt erst nach fünf Jahrzehnten, sie sei als Sechsjährige sofort in ihn vernarrt gewesen. Als dynastischer Zwerg, dem sie die Befugnisse zuschreiben kann und der im Hintergrund bleibt, ist Franz Stephan die Bedingung ihrer eigenen Autorität. Seine Papiere scheint sie vernichtet zu haben.

Sie empfängt eine verschwindend geringe Anzahl von Untertanen und hält sie mehrheitlich für faul. "Bummelei" ist ihr ebenso wie ein kritischer Geist und Meinungsfreiheit ein Graus. Die massenhafte Judenvertreibung wird zum Programm. Sie sieht sich als unmittelbar von Gott beauftragt, initiiert Reformen und merkt doch zunehmend, dass sie die Fäden nicht länger in der Hand halten kann. Das Zeitalter der Gunstbeweise, Kniefälle und Knickse weicht den rechtlichen Prinzipien moderner Behörden, in denen Frauen keinen Platz mehr haben.

Élisabeth Badinter bewundert den Mut der Regentin, ihre Entscheidungskraft, außenpolitische Klugheit und Fähigkeit zur Selbstkritik, sieht sie aber auch als religiöse Tyrannin, die manisch-depressive Züge aufweist und im Alter von der habsburgischen Schwermut überflutet wird. Stollberg-Rilinger zeigt dagegen, inwiefern die Schönheit der Regentin ebenso wie die Altersschwermut und der körperliche Verfall Topoi sind, die in Texten jeweils eine Funktion haben und als Effekte der Strukturkonflikte einer sich wandelnden Welt zu verstehen sind.

"Man hat immer zu repräsentieren", schärft die Kaiserin ihren Kindern ein – deshalb schreibt ihr Sohn Leopold ein verschlüsseltes Tagebuch, das sich im Hass gegen die gesamte Familie ergeht. Immerhin weiß Maria Theresia am Ende ihres Lebens genau, dass sie ihr Zeitalter überlebt hat. Badinter und Stollberg-Rilinger sind sich einig: Ein Vorbild für Ausnahmefrauen von heute ist Maria Theresia nicht.

Elisabeth Badinter: Maria Theresia; a. d. Frz. v. H. Brühmann u. P. Willim; Zsolnay, München 2017; 304 S., 24,– €, E-Book. 17,99 €

Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit. Eine Biographie; C. H. Beck, München 2017; 1083 S., 34,– €