An diesem Donnerstag wird Bundestagspräsident Norbert Lammert verkünden, dass zwei bisher namenlose Gebäude des Bundestages an der Straße Unter den Linden zum einen nach Matthias Erzberger, zum anderen nach Otto Wels benannt werden. Wels hatte 1933 in der letzten freien Rede im Reichstag das Nein der SPD zum nationalsozialistischen "Ermächtigungsgesetz" begründet: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." An Wels erinnern in Berlin eine Straße und eine Grundschule – von Erzberger findet sich im Berliner Weichbild bis dato keine Spur; wobei Finanzminister Wolfgang Schäuble zumindest den Festsaal im Ministerium nach ihm benannte (ZEIT Nr. 34/11).

Matthias Erzberger ist nicht nur der erste Märtyrer der Weimarer Republik, am 26. August 1921 niedergestreckt von zwei rechtsradikalen Mördern der Organisation Consul, sondern einer der eindrucksvollsten Politiker des Überganges vom Kaiserreich zur Republik. Erzberger hatte früh die Aussichtslosigkeit und Verworfenheit der kaiserlichen Kriegspolitik erkannt, die Friedensresolution des Reichstags durchgesetzt und das Joch auf sich genommen, am 11. November 1918 den Waffenstillstand von Compiègne zu unterzeichnen – eigentlich Aufgabe der Militärs. Diese Feigheit der Generale war die Wurzel der "Dolchstoßlegende". Schließlich verwirklichte Erzberger als Reichsfinanzminister die noch heute tragende Finanzstruktur der Republik.

Im Jahr 2000 würdigte eine Vortragsreihe an der Evangelischen Akademie zu Berlin die vier großen Toten der Weimarer Republik: Walther Rathenau, Gustav Stresemann, Friedrich Ebert – und Matthias Erzberger. Die daraufhin unternommenen Briefwechsel führten ins Absurdistan Berliner Erinnerungspolitik, wozu insbesondere die Festlegung gehört: Männer erst wieder als Straßenpaten, wenn genügend Frauen gewürdigt wurden. Nun aber rettet Norbert Lammert die Ehre der Hauptstadt – indem er Erzberger ehrt. Und Otto Wels.