Als Heiner Müllers legendäre Tristan-Inszenierung 1994 zum ersten Mal nach der Premiere wieder aufgenommen wurde, soll der Regisseur zu Beginn jeder Probe das Tageshoroskop aus der Bild-Zeitung vorgelesen haben: Steinbock-News für Waltraud Meier, seine Isolde, Ratschläge für Siegfried Jerusalem als Widder-Mann und Tristan, astrologische Gesundheits- und Finanztipps für alle. Eine lustige und doch recht abgefeimte Lockerungsübung, bevor es an die Opernarbeit ging, zu Liebestrank, Liebesnacht und Liebestod und zur Frage, was Richard Wagners modernstes, enigmatischstes Bühnenwerk ein Jahrfünft nach der deutschen Wiedervereinigung der Welt zu sagen haben würde. Noch 1989 hatte die Bild-Zeitung von der DDR nur in Anführungsstrichen gesprochen, "DDR". Jetzt, im Tristan-Umfeld, beglückte Müller – "Heiner, le diable", wie sein Antipode Peter Hacks scherzte – das Feuilleton mit Sentenzen wie "Wagner war verheiratet mit Hitler, ich war verheiratet mit Stalin". So wuchs zusammen, was zusammengehörte, und der Ort für diesen Koitus, der Grüne Hügel von Bayreuth, hätte nicht sinnträchtiger gewählt sein können.

Fast ein Vierteljahrhundert später, im Frühjahr 2017 und im französischen Lyon, ist von alledem wenig zu spüren. Müller starb 1995, 1999 verschwand sein Tristan plangerecht vom Bayreuther Spielplan, und die Wirklichkeit, die sich in den Neunzigern hauptsächlich mit Utopieverlusten und der Einführung des Euro plagte, trägt heute schwer an den Konsequenzen aus beidem, schwerer denn je. Ein guter Zeitpunkt also, um die Aufführung endlich wieder zu zeigen, im Sinne einer politisch-ästhetischen Recherche, ja Therapie. Was spricht dagegen, dass das Müller-Glück von damals auch in der Rückblende wirkt? Andererseits spielt die zwischen Lyon und Linz, Salzburg und Prag grassierende Retromania gerne den Falschen in die Hände, denjenigen nämlich, für die Oper seit je eine krass elitäre Form von Weltflucht bedeutete. Bislang waren nur die Partituren alt (und die meisten Komponisten lange tot), fortan sollen es offenbar auch die Inszenierungen sein.

Selbst Chris Dercon, der designierte Intendant der Berliner Volksbühne, will "Re-Lektüren legendärer Avantgarde-Stücke" zeigen. Erklären die darstellenden Künste sich etwa selbst für museal? In jeder Kunstsammlung gebe es Räume für Neues und Räume für Älteres, lässt Dercons Team zur Begründung seiner "radical repertory"-Theorie verlauten – warum nicht auch auf der Bühne, und sei es um des Widerspruchs willen.

Im Rahmen eines Festival Mémoires hat Serge Dorny, der rührige Intendant der Opéra Lyon, nun gleich drei Modellinszenierungen auf einmal exhumiert, teils samt Originalkulissen: neben dem Müllerschen Tristan auch Klaus Michael Grübers Sicht auf Monteverdis L’Incoronazione di Poppea in Aix-en-Provence 1999 sowie Ruth Berghaus’ Dresdner Elektra von 1986. Allen dreien fehlt hier, notgedrungen, das Verlesen des Bild-Zeitungs-Horoskops aus berufenem Mund. Alle drei treten sehenden Auges in Konkurrenz zum kollektiven Gedächtnis und zu seinen Verklärungen. Das ist mutig.

Gibt es das: Überzeitliche Inszenierungen, denen nichts etwas anhaben kann?

Wenn Poppea und Nerone bei Monteverdi zum finalen Liebesduett Pur ti miro gebannt aneinander vorbeischreiten, viermal, fünfmal, dann tun sie das eher, weil es so im Regiebuch steht – und nicht weil eine Beziehung, die auf Intrigen und Gewalt gründet, nicht glücklich sein kann. Vielleicht trauen sich die sehr jungen Sängerdarsteller hier auch einfach noch zu wenig. Wenn Elektra bei Richard Strauss von den Mägden am Atriden-Hof gleich zu Beginn in eine grobleinene Zwangsjacke gesteckt wird, dann wird das heute überall auf der Welt richtig "gelesen", nicht nur in Nordkorea; die Brisanz aber, die diese Metapher knapp drei Jahre vor der Wende in der frisch renovierten Dresdner Semperoper gehabt haben muss, hat es in Lyon nicht, kann es nicht haben. Und wenn Tristan und Isolde schließlich im zweiten Akt vor einem Meer blau schimmernder Rüstungen an der Rampe kauern, dann stimmt dieses Bild und stimmt auch wieder nicht: Werden die beiden tatsächlich von der Macht der Gefühle überwältigt, oder ist es nur das etwas holprige Timing der Regie, das sie in die Knie zwingt? Erfinden mag Erinnern heißen – Erinnern aber heißt nicht zwangsläufig Erfinden.