Erstmals seit Jahrzehnten treten mehr Deutsche in Parteien ein als aus – vor allem junge Menschen. Henning Sussebach ist durchs Land gereist und hat die Neumitglieder gefragt: Was ist so faszinierend an Ortsvereinssitzungen und Haustürwahlkampf?

Daniel Kurth hat zuletzt oft gehört, die Demokratie sei ein Geschenk. Ihn aber kostet sie auch einiges, vor allem Zeit. Es ist 8.15 Uhr, ein Montagmorgen in Eberswalde-Finow, als Kurth pünktlich in sein Wahlkreisbüro stürmt und doch schon spät dran ist – was daran liegt, dass Kurth, 43, klein, bärtig und Sozialdemokrat seit 20 Jahren, gar nicht so viel Zeit haben kann, wie er haben müsste als Landtagsabgeordneter, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Barnim, Stadtverordneter für Eberswalde, Aufsichtsrat der kommunalen Technischen Werke, dazu noch ... aber wie gesagt: keine Zeit, denn soeben hat Kurth den Rucksack abgeworfen, das Sakko abgelegt und seiner Assistentin zugerufen: "Steffi, lass uns Lage machen!"

Und dann machen in einem Parteibüro in einer brandenburgischen Provinzstadt ein Politiker und seine Mitarbeiterin "Lage", beugen sich über einen knallvollen Wochenkalender, auf dem sich die Ausstellungseröffnung Foyer LT mit einem THW-Gespräch schneidet und der Besuch Feuerwehrschule mit einem Richterwahlausschuss. Daniel Kurth sagt: "Puh." Dann: "Und Sonnabend hat auch noch mein Schwiegervater Geburtstag." Schließlich greift er Sakko und Rucksack, die er eben erst abgelegt hat, läuft zu seinem Passat draußen vor der Tür und bricht auf in eine Woche mit 33 Terminen, all dem politischen Klein-Klein, das nicht groß genug ist für die Tagesschau und doch erledigt werden muss.

So beginnt im Auto des Landtagsabgeordneten Kurth eine Reise in die deutsche Politik, Stand März 2017, womöglich zu Beginn einer Zeitenwende. Kurth wartet auf ein Paket aus Berlin, 10.000 Werbeflyer, darauf ein lächelnder Martin Schulz und der Satz: Dafür trete ich ein.

Draußen wischen Dörfer vorbei, drinnen sitzt Kurth, der in den vergangenen Jahren oft das Gefühl hatte, durch ein Land zu hetzen, in dem er und sein Auto eine der letzten politischen Bewegungen darstellten. Seine Stadt zum Beispiel: 40.000 Einwohner, 75 SPD-Mitglieder. Rechnet Kurth die Alten raus, bleiben 30 übrig, die Bierbänke tragen, Plakate kleben und all die Beiräte und Ausschüsse besuchen können, die jede deutsche Gemeinde am Laufen halten: Seniorenbeirat, Kulturbeirat, Sanierungsbeirat, Polizeibeirat. Nach zwei Todesfällen ist bei der Linkspartei im Ort die Nachrückerliste leergestorben. Die lokale CDU, sagt Kurth, verrate das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder schon nicht mehr.

"Wen ich auch gefragt habe, ob er mitmachen will: Jeder meinte, er hat keine Zeit", sagt Kurth, der auch keine Zeit hat, vor einigen Tagen trotzdem noch Vorsitzender des Handballvereins geworden ist, Opfer seiner eigenen Opferbereitschaft. Andauernd hört er: "Daniel, du bist der Einzige, der das kann." Seine Frau war sauer. Seine Kinder malen ihn nicht als Vater im Garten, sondern als Mann im Auto.

Bis vor wenigen Monaten wäre diese Geschichte weiter Daniel Kurth gefolgt, hätte sich mit ihm auf die Autobahn 10 in Richtung Potsdam eingefädelt und wäre so bei einem Mann geblieben, fast schon einsam in seinem Einsatz fürs Gemeinwohl. Wenn andere Männer in seinem Parteibezirk zum Triathlon antraten, sicherte er die Strecke. Wenn seine Freunde ihre Frauen ins Restaurant ausführten, hing er in Landtagsdebatten zur Familienpolitik fest.

Doch plötzlich geht die Geschichte anders. Die alten Parteien werden neu entdeckt, Menschen wollen sich engagieren. Wie Daniel Kurth, der nicht müde wird, sich einzumischen. Der Politik macht, weil sie für ihn die Welt zusammenhält.

Den Nachrichten über Trump und Erdoğan, den Brexit und die AfD, über den Aufstieg von Autokraten und Nationalisten folgen neuerdings Meldungen von der Gegenseite. Da, wo Rechtspopulisten ignorante Eliten in trägen Systemparteien ausgemacht haben, ist Erstaunliches zu beobachten: Was eben noch veraltet schien, ist jetzt Avantgarde. Seit der Bekanntgabe von Martin Schulz’ Kanzlerkandidatur Anfang 2017 hat die SPD 13.000 Neueintritte gezählt. Erstmals seit Jahren hat die FDP 2016 mehr Mitglieder gewonnen als verloren. Und die Grünen haben so viele Mitglieder wie nie.

Etwas ist in Bewegung geraten, in fast allen Winkeln der Republik. Deshalb führt diese Reise von Brandenburg weiter nach Sachsen und Schleswig-Holstein, nach Berlin, ins Saarland, nach Bayern. Durch fünf Parteien, vom kleinen Ortsverein bis hinauf ins Präsidium des Bundestages, zu einer Wahlkampfschulung und in ein Bierzelt – zu vielen Menschen an vielen Orten, weil Demokratie von vielen lebt. Im Laufe der Reise werden Sätze fallen, die Daniel Kurth in seinem Auto glücklich machen dürften:

"Nur Nachrichten gucken und eine Meinung haben – das reicht nicht mehr."

"Großes beginnt meistens im Kleinen."

"Mich nervt dieses Dienstleistungsverhältnis zum Staat."

"Wir leben in einer Meckerkultur. Aber um sich aufregen zu können, muss man Ahnung haben. Wer keine Ahnung hat, der plappert nur."