DIE ZEIT: Herr Hildebrand, was würde es für die Finanzmärkte bedeuten, wenn Marine Le Pen im Mai zur französischen Präsidentin gewählt wird?

Philipp Hildebrand: Sie wird die Wahl nicht gewinnen.

ZEIT: Das hat man auch über Trump gesagt.

Hildebrand: Sie dürfen Europa nicht mit den USA vergleichen. Der Aufstieg von Donald Trump hat viel mit Verteilungsfragen zu tun, und da gibt es große Unterschiede. Ein Beispiel: Seit 15 Jahren sind 80 Prozent aller Löhne in den Vereinigten Staaten real, also nach Abzug der Inflation, nicht gestiegen. In Europa ist es genau umgekehrt: Dort haben 80 Prozent aller Löhne im selben Zeitraum eine reale Steigerung erlebt. Europa hat – was die Verteilung der wirtschaftlichen Gewinne angeht – ein viel besseres Modell als die USA. Deshalb glauben wir bei Blackrock, dass das politische Zentrum in Europa hält. Der niederländische Premierminister Mark Rutte hatte recht, als er sagte, dass in seinem Land das Viertelfinale gewonnen wurde. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass nun auch das Halbfinale und das Finale gewonnen werden.

ZEIT: Das Finale wäre dann die Bundestagswahl?

Hildebrand: Genau.

ZEIT: Aber wenn es gut aussieht, warum geraten dann die Finanzmärkte in Aufruhr, wann immer neue Umfragen aus Frankreich publik werden?

Hildebrand: Die Finanzmärkte sind sehr stark angelsächsisch geprägt – und in der angelsächsischen Welt werden Unterschiede zu Europa oft einfach ignoriert. Das ist meiner Meinung nach auch der große Fehler der Briten. Die Europäische Union ist eine Wertegemeinschaft, doch sie glauben, dass sie sich den Zugang zum freien Markt nach dem Brexit erkaufen und aushandeln können. Das ist die Denkweise eines Investmentbankers. Aber so funktioniert das nicht. Wer dazugehören will, der muss diese Werte teilen.

ZEIT: Woran genau denken Sie?

Hildebrand: Europa hat einen eigenen Ansatz entwickelt, wie man mit dem Problem der Ungleichheit umgeht, wie man verhindert, dass ganze Gruppen aus der Gesellschaft fallen und sich ein großer Graben zwischen den Eliten und dem Rest der Bevölkerung auftut. Die Idee des sozialen Zusammenhalts gehört zum Kern des europäischen Modells. Ich finde, wir Europäer könnten auf der Weltbühne ruhig etwas mutiger auftreten und sagen, dass wir an diese Werte glauben. Es ist unsere moralische Pflicht, unser Modell zu verteidigen.

ZEIT: Es ließe sich vielleicht leichter dafür werben, wenn es nicht so viele Probleme gäbe.

Hildebrand: Das ist leider so. Europa hat seine eigenen großen Probleme. Wir haben uns in der Sicherheitspolitik weitgehend auf die USA verlassen, und der Euro hat sich als krisenanfällig erwiesen. Diese Probleme müssen gelöst werden. Die Grundvoraussetzung dafür ist, dass Deutschland und Frankreich wieder zu ebenbürtigen Partnern im Zentrum Europas werden, die dieselben Interessen verfolgen und die Währungsunion vollenden, indem sie wirtschaftlich enger kooperieren.