Dass die Freiheit nicht nur von rechts bedroht wird, sondern auch von links, dürfte spätestens seit der Terreur der Französischen Revolution bekannt sein; es folgte der rote Totalitarismus à la Stalin und Mao. Guillotine und Gulag sind immer nur das letzte Glied in der Kette. Links oder rechts geht es vorweg immer um die Herrschaft über Sprache und Denken, Wahrheit und Wirklichkeit.

Trump ist die jüngste Variante zur Rechten. Er lügt nicht nur, sondern leugnet die Existenz jeglicher Wahrheit, die nicht in das Raster von Interesse und Ideologie passt. Er ist der Meister jener Fake-News, die er seinen Feinden unterstellt. Reisen wir nun nach Middlebury in Vermont, das zu den Top Five der US-Colleges gehört. Hier hat sich ein Drama abgespielt, das abermals fürchten lässt: Der neue Totalitarismus schafft es ganz ohne Gestapo oder NKWD.

Die Hauptrolle spielte der Politikwissenschaftler Charles Murray, der vor zwanzig Jahren mit seinem The Bell Curve Wutstürme entfacht hatte. In dem Buch hatte er IQ-Abstände zwischen ethnischen Gruppen analysiert. Prompt wurde er als Rassist und Eugeniker verteufelt. Tatsächlich hatte er argumentiert, dass "sowohl Genetik als auch Gesellschaft mit Unterschieden zwischen Rassen zu tun" hätten. Was wie viel erklärt, "wissen wir nicht". Dieser Streit wird anhalten.

Macht nichts. Als der Mann das Podium betrat, wo ihn als Widerpart eine kritische Fachfrau erwartete, brach die Hölle los. Ein "Rassist, Sexist und Schwulenfeind" sei er, tobten die Studenten, die sich bestimmt nicht durch die 845 Seiten gequält hatten. Murrays Ideen dürften "nicht debattiert werden". Dieser "Hassprediger" dürfe keine "Bühne für so gefährliche Ideologien bekommen".

Rückzug in einen anderen Raum, dann Flucht nach draußen, wo eine Professorin ernsthaft verletzt wurde. Verabscheute Redner auszuladen oder niederzubrüllen ist inzwischen die neue Normalität in den besten US-Universitäten. Aber Political Correctness als Gewaltorgie? Da hat Middlebury, wo das Studienjahr 50.000 Dollar kostet, einen neuen Akt aufgeführt. Stephen Carter, Professor in Yale, meint: "Der Vorbote einer autoritären Zukunft wohnt nicht im Weißen Haus, sondern in den Hainen der Wissenschaft."

Was ist denn die Universität? Sie ist der Ort, wo jede Idee, egal, ob genehm oder verhasst, debattiert oder widerlegt werden kann. Und muss. Der Publizist Andrew Sullivan hat in Middlebury eine fürchterliche Steigerung der Political Correctness ausgemacht: PC als pseudoreligiöses Austreibungsritual. In diesem Sinne – erinnern wir uns an das Autodafé der Inquisition – agierten die Studenten von Middlebury zwar ungeheuerlich, aber folgerichtig.

Wieso? "Mit Ketzern kann man nicht räsonieren", erklärt Sullivan. Die Irrgläubigen müssen in einem weltlichen Austreibungsritual aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen entfernt werden, damit sie nicht auch deren Seelen verderben. Was Fakt oder Fake ist, bestimmt die Gemeinde (oder der Hohepriester im Weißen Haus). Doktrin schlägt Wissenschaft, der Glaube überwältigt die Wirklichkeit.

Die gute Nachricht? Nachdem die linken Puritaner von Middlebury den Murray ausgetrieben hatten, signierten achtzig Professoren eine Erklärung, auf der ganz oben stand: "Nur im freien Widerstreit der Ansichten kann sich das Wissen gegen bloße Meinungen durchsetzen." Amen.