Zehn Jahre Gefängnis können für einen Häftling eine Ewigkeit sein. Der saudische Blogger Raif Badawi hat nun fast die Hälfte dieser Ewigkeit hinter sich gebracht: Seit fast fünf Jahren ist er ein Gefangener Saudi-Arabiens, weil er auf seinem Blog "Freie saudische Liberale" den Nutzern eine Plattform bot, über Politik und Gesellschaft zu diskutieren, und selbst Artikel über Freiheit und Gleichheit schrieb. Nun muss er vielleicht noch länger hinter Gittern bleiben.

Im Prozess verurteilten ihn die Richter – neben 1.000 Peitschenhieben, einer Mediensperre, einem Reiseverbot und der zehnjährigen Haftstrafe – zu einer Zahlung von einer Million saudischer Riyal, umgerechnet inzwischen knapp 250.000 Euro. Mittlerweile wurde Badawi eine Erklärung vorgelegt, in der er bestätigen sollte, das Geld zahlen zu können. "Ein Gefängnismitarbeiter sagte ihm, dass sein Arrest ausgeweitet werden könnte, sollte er den Betrag nicht aufbringen können", erzählte eine Vertraute der Familie im Gespräch mit der ZEIT. Badawi weigerte sich, das Papier zu unterzeichnen.

Seine Strafe wurde schon einmal erhöht. 2013 verurteilte ihn ein Strafrichter wegen seines Blogs zu sieben Jahren Gefängnis und 600 Peitschenhieben, die er an vier verschiedenen Tagen bekommen sollte, 150 Hiebe pro Tag. Nachdem Badawi gegen die Strafe in Berufung gegangen war, wurde die Haft auf zehn Jahre verlängert, aus den 600 Peitschenhieben wurden 1.000. Einige seiner Gegner forderten sogar die Todesstrafe.

Als er im Januar 2015 die ersten 50 Schläge bekam, filmte jemand die Folter heimlich mit. So erfuhren Menschen überall auf der Welt von seinem Schicksal. Nach internationalen Protesten wurde die Prügelstrafe ausgesetzt, offiziell wegen Badawis schlechter Gesundheit. Denn, so die Logik des Regimes, wer gefoltert werden soll, muss gesund sein.

Auch gegen Badawis Umfeld geht das Regime vor. Seine Schwester, Samar Badawi, musste erst Mitte Februar zu einem Verhör der Polizei. Sie kämpft in Saudi-Arabien für Frauenrechte. Suad al-Schammari, die geholfen hatte, das Blog zu gründen, war drei Monate lang im Gefängnis. Dort nötigte man sie, schriftlich zu versichern, in Zukunft nicht mehr politisch aktiv zu sein. Badawis Anwalt bekam 15 Jahre Haft. Er hatte eine Menschenrechtsorganisation gegründet und die Menschenrechtsverletzungen im Land kritisiert.

Nach außen hin versichert Saudi-Arabien, Reformen einleiten zu wollen. Der Organisation Human Rights Watch zufolge geht die Regierung aber derzeit noch härter gegen oppositionelle Publizisten und Aktivisten vor als bisher.

Wie die Machthaber mit Kritik von außen umgehen, zeigte ein Mitglied der Königsfamilie Ende Februar in einem Interview mit der Deutschen Welle. Auf die Frage nach der Folterstrafe für Badawi erwiderte der ehemalige Chef des Geheimdienstes, der Reporter solle die Vorwürfe selber verifizieren und die Aussagen von Menschenrechtsorganisationen nicht als Fakten hinnehmen. Die friedlichen Aktivisten seien eben nur in den Augen von Human Rights Watch friedlich, nicht aber nach dem saudischen Gesetz. Zu Badawi äußerte er sich nicht.

Wie es dem Blogger geht, ist nur über seine engsten Vertrauten zu erfahren. Er dürfe inzwischen Bücher lesen, sagte seine Familie der ZEIT. Seine Frau Ensaf Haidar, die mit den gemeinsamen Kindern in Kanada Asyl gefunden hat, kann mit ihm telefonieren, auch wenn die Telefonate mitunter kurz sind und unterbrochen werden. "Seit der Ankündigung des Gefängnismitarbeiters, dass seine Haft womöglich verlängert wird, hat er keine Hoffnung mehr, früher entlassen zu werden", heißt es aus der Familie. Wie Raif Badawi weiter vorgehen wird, weiß er noch nicht.