Annegret ist der neue Oskar. Die Saar-Genossen bannten einst das spitznasige Konterfei ihres überaus beliebten Ministerpräsidenten Lafontaine auf ein Plakat, schrieben "Oskar" drüber, versteckten das "SPD" in der Ecke – und schon war die Wahl gewonnen. Heute grüßt die beliebte Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vom Plakat. "Annegret" steht drüber, das "CDU" ist in der Ecke versteckt – doch die Wahl geht womöglich verloren.

Wenn an diesem Sonntag das kleine Saarland sein Parlament neu bestellt, hat das nicht nur Folgen für die knapp eine Million Saarländer. Bei der Wahl wird zum ersten Mal getestet, ob der "Schulzzug", wie die Sozialdemokraten den wundersamen Lauf ihres neuen Spitzenmanns nennen, auch auf der Straße rollt. Sollte es so kommen und aus den jüngsten Umfragen, die einen Regierungswechsel voraussagen, ein amtliches Endergebnis werden, würde auch die Bundespolitik gründlich durchgerüttelt: Der CDU käme mit Kramp-Karrenbauer eine beliebte Regierungschefin abhanden – eine von überhaupt nur noch vier regierenden Länderchefs. Vor allem aber eine der wenigen, denen man zutraut, die CDU nach Merkel zu führen.

Rot-Rot könnte zum ersten Mal in einem westdeutschen Bundesland regieren und das Saarland damit Ausgangspunkt eines bemerkenswerten Rollentauschs werden. Die CDU könnte plötzlich die Partei sein, die gefragt wird, mit wem sie eigentlich regieren wolle, während die SPD auf einmal nach allen Seiten als anschlussfähig dastünde: In Schleswig-Holstein könnte sie ab März mit den Grünen, in Nordrhein-Westfalen vielleicht sogar mit der FDP regieren. Die Abstimmung im Saarland würde so zum Auftakt eines Wahljahres, in dem vieles anders läuft als erwartet. Viele Koalitionen sind möglich, aber keine Partei geht mit einer Koalitionsaussage in die Wahl.

Ausgerechnet auf Lafontaine kommt es nun an. Von dem Mann, der einst auszog, die SPD zu bestrafen, hängt es nun ab, ob nach 18 Jahren mit Anke Rehlinger wieder eine Sozialdemokratin Ministerpräsidentin wird. Mit Martin Schulz soll Lafontaine sich längst auf Rot-Rot an der Saar eingeschworen haben. Hier soll bewiesen werden, dass man mit der Linken auch im Westen geräuschlos regieren kann – so wie in Thüringen, wo Bodo Ramelow seit drei Jahren mit SPD und Grünen krisenfrei das Land managt. Ramelow reiste im Wahlkampf eigens an, um über die Linke und das Regieren zu sprechen – nicht etwa vor Wählern, sondern bei der parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. Schließlich ist die eigene Basis für die Linke das größte Risiko beim ruhigen Regieren. Für Schulz ist dabei klar: Wenn es klappt, kann Lafontaine derjenige sein, der ihm den Weg ins Kanzleramt ebnet. Fast so wie 1998, als Lafontaine SPD-Chef war und gemeinsam mit Gerhard Schröder seine Partei in die Regierung führte.

Als Risiko gilt Lafontaines Ehefrau Sahra Wagenknecht, bis vor Kurzem entschiedene Bündnisgegnerin. Doch im Wahlkampf hängte die Linke jetzt viele Plakate auf, die Lafontaine und Wagenknecht gemeinsam zeigen. Wagenknecht, so sieht das der Pragmatiker Ramelow, würde folglich bei Rot-Rot "ein bisschen mitregieren". Und ihr Widerstand gegen Rot-Rot-Grün im Bund würde damit noch ein bisschen mehr bröckeln. Laut Umfragen wünscht sich eine große Mehrheit der Linken-Anhänger, dass ihre Partei mitregiert, nicht nur in den Ländern, sondern auch im Bund. Das passt zu Erhebungen, wonach Rot-Rot-Grün auf Bundesebene längst nicht mehr so unbeliebt ist wie noch vor vier Jahren. Das Gespenst verliert seinen Schrecken.

Zum ersten Mal sei es wirklich ernst mit einem Mitte-links-Bündnis auf Bundesebene, sagt Fraktionschef Dietmar Bartsch. Nicht zuletzt deshalb, weil Martin Schulz bei den Linken-Anhängern überaus gut ankommt, vor allem im Osten. Der Schulz-Hype kostet die Linke zwar auch Unterstützung, doch das halten linke Strategen für verschmerzbar. "Lieber acht Prozent mit Machtperspektive als zehn Prozent als ewige Oppositionspartei", sagt ein Spitzen-Linker.

Im Wahlkampf will sich die Linke als Garant dafür präsentieren, dass die Gerechtigkeitsversprechen des SPD-Kanzlerkandidaten umgesetzt werden und Martin Schulz nicht Minister unter Merkel wird. Fast so, wie einst die Liberalen warben: Wer Kohl als Kanzler will, muss FDP wählen.