Manche Häuser in Wien sind wie das Geschäft, das sie beherbergen – laut und diskret zugleich. An den Fassaden blinken rosa Schriftzüge, die Erfüllung verheißen: Tritt ein, Fremder, hier gibt es erotische Abenteuer! Aber der Eingang zu dem Laufhaus liegt dann verschämt um die Ecke.

Ein Laufhaus ist ein auf seine Essenz reduziertes Bordell. Lange Gänge, ein Zimmer neben dem anderen, darin ein Bett und eine Frau. Der Name kommt daher, dass die Männer wie im Supermarkt durchlaufen, sichten und wählen können. Im Laufhaus werden die Freier von keiner aufgedonnerten Bardame empfangen. Es gibt keinen Plüsch und keine Sektkübel, weder wird Eintritt verlangt noch herrscht Konsumzwang. Im weiß gefliesten Foyer brummen bloß ein Getränke- und ein Kaffeeautomat, flankiert natürlich von einem Bankomaten. Ein Freudenhaus für die Generation Selbstbedienung.

Die Wiener Rotlichtszene hat sich verändert. Man könnte sagen, sie unterwirft sich, wie andere Branchen auch, dem gesellschaftlichen Zwang zur Effizienzsteigerung und Rationalisierung. Viele der alten Bordelle mit Barbetrieb sind verschwunden. Etabliert haben sich neben einigen teuren Sauna-Clubs, die Sex mit einer Art Wellness-Ambiente zu verbinden suchen, vor allem viele kleine Studios und einige wenige große Laufhäuser.

Die Massenabfertigungsbetriebe haben in Wien zwar nicht den größten Marktanteil, aber das Konzept polarisiert in der Politik wie auch unter den Prostituierten. In Wien gibt es sechs große Laufhäuser mit mindestens 20 Zimmern. Für die Frauen ist das Geschäftsmodell in dem ohnehin harten Business nicht ohne Tücke. 350 bis 450 Euro Wochenmiete bezahlen die Mieterinnen für ihr Zimmer, sagt Hofrat Wolfgang Langer, der Leiter des Wiener Prostitutionsreferats. In Salzburg liege die Wochenmiete noch 200 Euro höher. In welchem anderen Metier muss man mit einem täglichen Minus von 70 Euro seine Arbeit beginnen?

Für diese Summe bekommen die Frauen einen Bettwäsche-Service, die Zimmerreinigung und einen Sicherheitsmann gestellt. Der Betreiber macht außerdem Werbung für seine Mieterinnen, im Internet und im sogenannten Sexmagazin, einer Art Kundenzeitschrift für Freier, die zum Beispiel im Laufhaus Vienna in Favoriten gratis aufliegt.

Der Sex-Diskonter versinnbildlicht die moderne Geiz-ist-geil-Mentalität

An diesem Freitagnachmittag leuchtet dort über vielen der 42 Türen in Rot das Wort "Besetzt". Hinter den Türen, die offen stehen, sitzen Frauen auf ihrem Bett. Sie tragen Unterwäsche, die meisten beschäftigen sich mit ihrem Smartphone. Der Gast kann die Frauen mustern, Fragen stellen, eintreten oder auch weitergehen. Das Ambiente im Laufhaus Vienna hat nichts mit der schummrigen Atmosphäre alter Gürtelbordelle gemein, es wirkt vielmehr kühl und steril wie eine Bedürfnisanstalt, die es ja auch ist.

Wer das Zimmer von A., einer Rumänin im ersten Stock, betritt, sieht neben dem Bett eine rote Pringles-Dose und einen Ventilator. Es gibt kein WC, aber eine Dusche. Ein kleines Waschbecken voller Parfums und Make-up, darunter ein dicker Stapel Handtücher. Eine Wand ist leuchtend gelb gestrichen, fast wie in einer Studentenbude. 50 Euro Viertel-, 70 Euro halbe, 120 Euro ganze Stunde, lauten die Tarife. Und wenn man A. nach ihrem Angebot fragt, sagt sie: "Wie viel Zeit hast du?"

Der Soziologe Roland Girtler ist in den frühen achtziger Jahren nächtelang mit der Polizei durch Wien gefahren, um mit Prostituierten und Zuhältern zu sprechen. Danach schrieb er den Bestseller Der Strich – Soziologie eines Milieus. Jahrzehnte später, im März 2015, begutachtete er auf Einladung der Polizei ein Laufhaus. Er finde die Reduktion der Prostitution auf den bloßen Akt bedauerlich, sagt der heute 75-jährige emeritierte Professor. "Die Kultur des Anbandelns ist zu Ende. Ich will es nicht romantisieren, aber für mich als Bursch’ hatte das einen Zauber, wenn die Dirnen im Pelzmantel auf der Kärntner Straße standen."

"Ein Laufhaus ist in gewisser Hinsicht wie ein Hotel: Wenn du die Zimmer voll hast, musst du dich um fast nichts mehr kümmern", sagt Roman Stern. Der 43-Jährige steht in einem kurzen Hemd, das an den Oberarmen spannt, an der Bar des Maxim beim Wiener Karlsplatz. Gemeinsam mit seinem Vater Josef führt er das sogenannte Varieté. Von Laufhäusern und Sauna-Clubs halten die beiden betriebsbedingt wenig.