Als die SPD bei ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende ihren neuen Spitzenmann Martin Schulz feierte, saßen fast alle deutschen Gewerkschaftsführer in der ersten Reihe und jubelten mit. Jörg Hofmann, Chef der IG Metall, applaudierte genauso ausdauernd wie der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske. Das harmonische Bild zeigte deutlich, wie die SPD in den vergangenen Jahren Politik gemacht hat und mit welchem Selbstverständnis sie in den Wahlkampf zieht. Gemeinhin gilt sie als Partei des Staates, die bei der Durchsetzung ihrer Ziele eher auf Gesetze oder staatliche Förderprogramme setzt als ihre bürgerliche Konkurrenz.

Doch wer Bilanz zieht, stellt fest, dass gerade sozialdemokratische Sozialpolitiker mit einer anderen Geisteshaltung Politik gemacht haben: Sie haben sich immer wieder dafür entschieden, Macht vom Staat auf die Gewerkschaften und die Arbeitgeber zu übertragen. "Tarifpartner stärken" war die heimliche Überschrift der vergangenen vier Jahre.

Zuletzt zeigte sich das beim Gesetz von Familienministerin Manuela Schwesig für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. Das Gesetz stärkt nicht nur die Macht der Betriebsräte. Tarifgebundene Unternehmen, so der noch nicht verabschiedete Gesetzentwurf, werden ebenfalls belohnt. Sie müssen gegenüber ihren Mitarbeitern die Einkommenssituation im Unternehmen nicht offenlegen wie die Firmen außerhalb des Tarifgefüges.

Sind also Unternehmen im Tarif automatisch geschlechtergerecht? Die meisten Frauenverbände sind empört, weil ihrer Meinung nach auch in solchen Firmen die Diskriminierung verbreitet ist. Ihr Argument: Tarifverträge schaffen zwar Regeln für die Vergütung. Sie verhindern aber nicht, dass Männer schneller in die nächsthöhere Einkommensgruppe hochgestuft werden können als ihre Kolleginnen.

Arbeitsministerin Andrea Nahles setzt auch auf die Tarifpartner. Sie hat die klassischen Industriegewerkschaften in der Auseinandersetzung mit kleineren Konkurrenten wie der Lokführergewerkschaft unterstützt, aber auch andere Gesetze so angelegt, dass die Tarifpartner dabei gut aussehen.

Ihr Gesetz zum Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge beispielsweise ist so formuliert, dass tarifgebundene Unternehmen davon profitieren. Wenn sie künftig für ihre Mitarbeiter Betriebsrenten anbieten, zahlt der Staat dafür Zuschüsse.

Vermutlich nützt das vielen Arbeitnehmern. Ganz sicher wird es die Tarifpartner stärken. Es bringt allerdings eher wenig für Geringverdiener, Minijobber oder Selbstständige. Das sind aber diejenigen, die sich besonders viele Sorgen wegen ihrer Altersversorgung machen müssen – und die mit ihren Steuern die Altersversorgung von vergleichsweise gut abgesicherten Angestellten mitfinanzieren.

Die Tarifpartner in Deutschland haben sich große Verdienste erworben. Nicht nur die Politik, sondern vor allem Gewerkschaften und Arbeitgeber haben während der Finanzmarktkrise blitzschnell Kurzarbeit für Hunderttausende Beschäftigte vereinbart und auf diese Weise Massenentlassungen verhindert. Doch die SPD sollte sich daran erinnern, dass die viel zitierten Menschen aus der hart arbeitenden Mitte nicht diejenigen sind, die Sozialpolitik besonders dringend brauchen.

Vermutlich hätte die Bundesrepublik Deutschland schon lange einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt, wenn die Tarifpartner sich nicht so lange und vehement jede Einmischung in die Lohnfindung durch den Staat verbeten hätten. In Ländern wie Großbritannien haben linke oder linksliberale Regierungen ihn viel früher eingeführt – weil sie so staatsorientiert sind, wie es von der SPD immer behauptet wird.