Wut im Buch – Seite 1

Susanne Dagen hat in den vergangenen Monaten zwei Dinge verloren: Geld. Und Freunde. Und das, sagt sie, nur wegen der paar Zeilen. Wegen eines Absatzes unter vielen, geschrieben im Jahr 2016 von einem Reporter des Spiegels. Es ging in dessen Text um Pegida; Dagen wurde darin als Pegida-Sympathisantin bezeichnet. Seither, sagt sie, klebe dieses Wort an ihr und an ihrem Buchladen. Und es belaste sie.

Dabei ist das Wort gar nicht falsch. Wenn man Dagen, Jahrgang 1972, danach fragt, sagt sie: Dass sie mit Pegida sympathisiere, dürfe man durchaus schreiben. Sie wolle sich dafür nicht verstecken. Nur mit den Reaktionen habe sie nicht gerechnet. Statt mit ihr zu diskutieren, straften viele Kunden und Freunde sie mit Nichtbeachtung. Viele im Dresdner Kulturbürgertum seien nicht fähig zur Debatte. Dagens Wunsch, mehr zu streiten, werde mit lautem Schweigen beantwortet. So sieht sie das.

Nun muss man wissen, dass Susanne Dagen selbst zu den zentralen Figuren des berühmten Dresdner Kulturbürgertums gehört. Ihr Laden, das Buchhaus Loschwitz, liegt am Fuße des Stadtteils Weißer Hirsch, unweit der berühmten Elbbrücke Blaues Wunder. Die Turmgesellschaft, wie sie Uwe Tellkamp 2008 in seinem Roman Der Turm beschrieb – diese Gesellschaft kauft ihre Bücher hier, bei ihr. Susanne Dagens Großvater war Arzt, ihre Großmutter Sängerin. Der Vater war Chemiker, die Mutter Galeristin. In ihrer Kindheit war Dagen von Künstlern, von Kulturbürgertum umgeben. In ihrem Buchhaus hat Dagen auch heute ständig Schriftsteller zu Gast, schart kluge Menschen um sich. Zu ihren Kunden, sagt Susanne Dagen, gehörten bekannte Politiker, etwa Thomas de Maizière. Den Lyriker Jörg Bernig zählt sie gar zu ihren Freunden. Ihr Laden ist mit dem Preis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, es gibt Stadtführer, die ihn Touristengruppen empfehlen. Ein wunderschöner Ort an einem wunderschönen Platz.

Aber nun ist vieles anders. Nun kommen plötzlich viele der Kunden von einst nicht mehr: Ein Freund habe ihr gesagt, dass unter manchen, die früher bei ihr kauften, geradezu zum Boykott aufgerufen werde, sagt Dagen. Man erzähle sich, "zu uns könne man nicht mehr gehen: 'Die sind doch rrrreeeechts', sagt man." Dabei hebt sie ihre Stimme und rollt scharf das "r". Dann lacht sie auf. Ein kurzer, emotionsloser Ton.

Dagen ist geborene Dresdnerin, im Stadtteil Bühlau zur Welt gekommen. Ihre Mutter lebte getrennt von Dagens kroatischem Vater. Vor 22 Jahren eröffnete Susanne Dagen mit ihrem Partner Michael Bormann das Buchhaus Loschwitz. Gemeinsam hat das Paar zwei Töchter, 15 und 16 Jahre alt. Die will Dagen dazu erziehen, sich ihre Meinung zu bilden, sie zu sagen und dann mit den Konsequenzen zu leben. Und hier fängt Dagen an, für Pegida empfänglich zu werden.

Sie mache sich Sorgen, sagt sie: wegen des Einflusses des Islams auf das Frauenbild. "In der DDR war die Emanzipation der Frau sehr weit fortgeschritten. Ich möchte diese Diskussion um die Rolle der Frau nicht noch einmal führen. Trotzdem möchte ich nicht als besorgter Bürger verspottet werden. Meine Ängste sollen ernst genommen werden."

Was bedeutet es für sie, Pegida-nah zu sein? Mitgelaufen bei Pegida sei sie nie, so Dagen. "Aber ich bin interessiert daran, zu hören, was Pegida zu sagen hat. Wenn die differenzierte Auseinandersetzung und das redliche Interesse an Pegida als Pegida-nah bezeichnet werden, dann bin ich das eben", sagt Dagen. Ein Satz, der ein bisschen trotzig klingt. Vor allem für die Debattenkultur, die Pegida neu angefacht habe, begeistere sie sich. Politische Diskussionen habe es vor Pegida viel zu wenige gegeben.

Und doch, das muss man ihr entgegnen, ist Pegida-Nähe für viele Menschen eine Zumutung. Pegida war immer schon eine Bewegung, die mindestens an der Grenze des Anstands balancierte; und seit einiger Zeit ist Pegida eine radikalisierte Truppe mit deutlich rechtsradikalen Anleihen. Eine Bewegung, deren ewiger Anführer Lutz Bachmann wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Frau Dagen muss sich also schon fragen lassen: Darf sie sich wundern, dass manche Kunden keine Lust haben, auch noch im Buchladen mit Pegida konfrontiert zu sein?

"Die Ossis wollen sich heute nicht wieder verscheißern lassen"

Susanne Dagen beantwortet solche Fragen oft mit Geschichten aus ihrer Biografie. Es sind Geschichten über eine bestimmte Angst: der Angst vor Fremdbestimmung. Ihre Frustration, sie scheint sich aus dem zu speisen, was Dagen nach 1990 erlebt hat. "Wir wollen uns im Osten nicht wieder etwas aufdrücken lassen, das mit uns nichts zu tun hat", sagt sie. Die Ostdeutschen hätten sich nach der Revolution vieles nicht aussuchen können, so empfindet sie das. Sie bekamen Wiedervereinigung statt reformierter DDR. Sie bekamen fünf neue Länder lupenrein nach West-Vorbild. "Dabei sind die Menschen damals nicht nur für Bananen auf die Straße gegangen, sondern auch für Meinungsfreiheit", sagt Dagen. "Statt die Ossis an die Hand zu nehmen und sie über die Fallstricke der neuen Gesellschaft aufzuklären, nutzten manche Westdeutsche ihr Vorschusswissen für sich", sagt Dagen. Und damit ihnen so etwas nicht noch einmal passiere, gingen einige Ostdeutsche für Pegida auf die Straße.

"Ich höre immer wieder: Die Ossis wollen sich heute nicht wieder verscheißern lassen", so Dagen. Sie trägt ein knielanges, bordeauxfarbenes Samtkleid, zitiert gern den Philosophen Peter Sloterdijk oder den Soziologen Max Weber. Sie ist ein kluger, belesener Mensch, aber in den Gesprächen über die Wende, über die Frustrationen der Nachwendejahre, regieren die Gefühle. Man schaut sich deshalb um in Dagens wunderschönem Buchladen und fragt, ob es ihr nicht wahnsinnig gut gehe, im Vergleich zur Zeit am Ende der DDR. Da sagt sie, sie gehöre zur "scheinbar glücklichen Wende-Generation". Mit ihrem damaligen Freund reiste sie gleich nach dem Mauerfall nach Paris und London, lernte neben Russisch auch Französisch und Englisch. "Aber mit 17 oder 18 brauchst du eine elterliche Basis, die dir Orientierung gibt, in so einem Umsturz. Die hatte ich nicht." Dagens Mutter verlor ihre Galerie gleich 1990. Sie fand sich nicht mehr zurecht wie einst. "Für mich fing das Erwachsenenleben gerade erst an, aber für meine Mutter, um die 40, waren die Messen gelesen", sagt Dagen. Solche Erfahrungen prägten viele aus ihrer Generation bis heute.

Ihrer Mutter mache es Mut, dass sie, Dagen, sich immer wieder einmische. "Vor einiger Zeit hat sie mir gesagt: Susi, ich bin stolz auf dich!" Auch das sei ihr, Susanne Dagens, Antrieb.

Verwunderlich ist, dass ihr keine scharfe Distanzierung von denen über die Lippen kommt, die Pegida organisieren. Stattdessen geht sie keiner politischen Konfrontation aus dem Weg, sie sieht sich als Provokateurin. "Unter der Maßgabe: Immer rein in die Wunde, nicht aufhören, im Gespräch zu bleiben", sagt sie. Dass sie für ihren Ausbruch nun mit dem Schweigen der Intellektuellen bestraft wird, sagt Dagen, müsse sie womöglich in Kauf nehmen. Weniger Kunden bedeuten weniger Geld. Weniger Geld bedeutet ab einem gewissen Maß finanzielle Sorgen. Sorgen um die Existenz. Aber ihre Meinung zu sagen sei ihr wichtiger.

Dagen ist hin- und hergerissen: Einerseits möchte sie die beliebte und geschätzte Buchhändlerin bleiben, die sie für ihre Kunden gewesen ist. Aber ihr Wunsch nach Provokation und der Wunsch der Kunden nach den Gesprächen über gute Bücher – das geht offenbar nicht einfach so zusammen. 22 Jahre lang habe sie gute Arbeit geleistet, erzählt Frau Dagen, sie habe Veranstaltungen organisiert, aber auf einmal sei sie nur noch: "Pegida". Das sei nicht gerecht.

Geld und Kunden hat Susanne Dagen verloren im vergangenen Jahr. Aber immerhin: Den Preis des Deutschen Buchhandels hat sie noch einmal gewonnen.