Wer so auftritt, hat etwas zu verbergen: den Hut weit nach vorne geschoben, den Kopf tief gesenkt, die strähnigen Haare wie einen Vorhang vors Gesicht gezottelt. Als der Mann im weißen Rüschenhemd dann den Kopf hebt und sein Gesicht entblößt, schreien selbst hartgesottene Rabauken auf: Was für ein Monstrum von Nase! Sie gehört Cyrano de Bergerac, den man wegen seines Riechkolbens verlacht und verabscheut, wegen seiner satirischen Gedichte und seiner Fechtkünste aber zugleich fürchtet.

Es hat ihn wirklich gegeben, diesen Cyrano de Bergerac, der 1619 in Paris geboren wurde und 1655 auf dem Lande verstarb. Edmond Rostand machte den Außenseiter zum Helden seines Versdramas Cyrano de Bergerac, das 1897 mit großem Erfolg in Paris uraufgeführt wurde. Am Thalia Theater hat es nun Leander Haußmann inszeniert, und dieser Luftikus unter den deutschen Regisseuren, der sich normalerweise keinen infantilen Scherz verkneift, nimmt den wilden Hund wie einen teuren Freund unter seine Fittiche: mitfühlend, beschützend, fürsorglich.

Cyrano hat sich in seine Cousine Roxane verliebt, "die schönste Frau der Welt". Jedoch traut er sich nicht, ihr dies zu gestehen, im Gegenteil: Für Sebastian Zimmler als Christian de Neuvillette, der sie ebenfalls liebt, wird er zum heimlichen Postillon d’Amour – weil der zwar blendend aussieht, aber schrecklich dumm ist.

Wie soll dieses Sexobjekt um sie werben, Briefe schreiben und geschliffene Konversation führen? Cyrano wird sein Ghostwriter und Souffleur. Als der Schönling im Krieg gefallen ist, nimmt Cyrano später ihr gemeinsames Geheimnis mit ins Grab, damit Marina Galic als ätherische Roxane nie erfahren muss, dass sie in Wahrheit Worte und Ideen eines anderen begehrt hat.

Das Stück beginnt im Menschengewühl vor einer Vorstellung in einem Theatersaal in Paris. Cyrano, gespielt von Jens Harzer, lästert und pöbelt, es kommt zum Degengefecht. Während er seine Konkurrenten elegant besiegt, erteilt er rasch noch eine Lektion in Sachen angewandter Dichtkunst, indem er zum Kampf eine Ballade erfindet. Und um diese Gala zu krönen, zündet er sich eine Zigarette an und lehrt die anderen, die ihn wenig kreativ wegen seiner Nase beleidigten, wie man dies viel origineller tun könnte.

In einem grandiosen Monolog macht sich Cyrano zum selbstironischen Helden, der famos seine Verletzungen ausbreitet. Und Jens Harzer gibt all diesen Varianten – von grobschlächtig über schulmeisterlich bis lyrisch – in blitzschnellen Wechseln überzeugend Stimme, Farbe, Atmosphäre.

Bravourös trägt er Leander Haußmanns überschwängliche Inszenierung, glänzt hier mit Bonmots und Sottisen, beeindruckt dort beim Fechten, Schmachten, Verzweifeln.

Die Heerschar seiner Feinde verkörpert beispielhaft Rafael Stachowiak als dekadenter Comte, der nicht aufhören kann, Cyrano zu provozieren und dessen Cousine zu bedrängen. Der freilich lässt nur Christian in ihre Nähe: "Denn auf den Lippen, die Roxane dort entflammen / Küsst sie die Worte, die von mir ja stammen!"

Am schönsten sieht man das im Garten, wenn Roxane von Christian unterhalten werden will. Er: "Ich liebe dich." Sie: "Ich weiß. Mehr Poesie!" Erst als ihm Cyrano von einem Baum herunter, den die Bühnenbildnerin Theresia Anna Ficus bewusst unromantisch wie ein Konglomerat aus Ofen- und Abwasserrohren entworfen hat, erotische Lyrik zugeflüstert hat, wird die Anspruchsvolle schwach. Cyrano säuselt wie im Fieber, Christian erzeugt mit einer Maschine Dampf, die Frau zwischen ihnen beiden weiß nicht, wie ihr geschieht. Alle küssen sich kreuz und quer und bilden einen so flotten wie utopischen Dreier: Cyrano ist nicht mehr hässlich, Christian nicht mehr dumm, Roxane nicht mehr betrogen. Selbst die Natur kann sich da nicht länger beherrschen, und ein Gewitter bricht los.

Leander Haußmann gelingt die Mantel- und Degenkomödie als hinreißende éducation sentimentale mit Donnerwetter. Touché!