Niemand, schreibt der Historiker Michael Wildt, kann sich dagegen wehren, zitiert zu werden. "Der Begriff Volksgemeinschaft weist darauf hin, dass das Politische nicht nur im Staat, sondern auch in der Gesellschaft und aus ihr heraus entsteht." So hat es Wildt 2014 in einem Aufsatz für das Online-Portal Docupedia des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam formuliert. Und genau so stand es am 30. Dezember 2015 auf der Facebook-Seite von André Poggenburg.

Poggenburg ist Landesvorsitzender der AfD in Sachsen-Anhalt. "Die AfD Sachsen-Anhalt", heißt es in seinem Facebook-Post, "spricht eine klare, unideologische Sprache und verwehrt sich gegen das ideologische Überzeichnen und einseitige Zuordnen sprachlicher Begriffe, die in ihrem Ursprung und ihrer grundsätzlichen Bedeutung ein positiver Ausdruck und Bestandteil der deutschen Sprache sind. 'Volksgemeinschaft' ist ein solcher Begriff."

Um ausgerechnet Michael Wildt für die Rehabilitierung der "Volksgemeinschaft" einzuspannen, bedarf es indes ebenfalls einiger Einseitigkeit. Wildt zählt zu den profiliertesten deutschen NS-Historikern, er ist ein Pionier der Täterforschung und war eine der prägnantesten Stimmen in der Debatte um die NS-Volksgemeinschaft. Nichts liegt ihm ferner, als einer Enthistorisierung dieser Nazipropaganda-Vokabel Vorschub zu leisten.

Er beschloss daher, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen, und verfasste ein Buch, ein Büchlein: Volk, Volksgemeinschaft, AfD; dieser Tage ist es in der Hamburger Edition erschienen, eine Intervention nennt es der Verlag. 160 kleinformatige Seiten, die in jede Jackentasche passen.

Keine schäumende Verteidigungsrede ist es geworden, sondern im Wortsinne eine Klarstellung: Wildt leitet die Grundbegriffe unserer politischen Ordnung noch einmal her. Volk, demos, ethnos, Volksherrschaft, Volksgemeinschaft, Gesellschaft. Begriffliche Fundamente gießt er keine. Er hält den Boden der Geschichte schwankend, Ideologen haben bei ihm schon deshalb einen schweren Stand.

Das Volk, zeigt Wildt, ist eine Behauptung. Es wird behauptet gegen "die da oben", es wird behauptet gegen den Pöbel, es wird behauptet gegen andere Völker. Und manchmal, wenn gerade Revolution ist, behauptet das Volk sich selbst: Wir sind das Volk!

Wer ist nicht das Volk? Die Sklaven – in der Antike. Die Armen – zu Zeiten des Zensus-Wahlrechts. Die Frauen – in einem Schweizer Kanton bis 1990.

Erst im Lauf der Jahrhunderte, und erst sehr spät, wurde das Volk demokratiegeschichtlich von einer Minderheit zu einer Mehrheit der Bevölkerung. Auch die Demokratie ist daher nichts Festes, Gegebenes. Die Debatten, die über ihre Gestalt ausgefochten wurden, kann man in Wildts Brevier noch einmal nachlesen, von Athen bis Stuttgart 21: Federalists gegen Anti-Federalists, Räte versus Repräsentation.Selbst die Grenzen zur Nichtdemokratie sind fließend. Mitunter waren die brutalsten Zerstörer die prononciertesten Verfechter "wahrer Volksherrschaft". Sogar der Nazistaat schmückte sich mit Demokratie-Relikten. Es gab einen Reichstag, viel war von Volkes Wille die Rede und natürlich: von "Volksgemeinschaft".

Den Begriff, das stimmt, haben nicht die Nazis erfunden. Wildt erinnert an den deutsch-jüdischen Politiker Ludwig Haas: "Den Geist wahrer Volksgemeinschaft", schrieb der 1923, "schaffen die Männer nicht, die – wie die Münchner – [...] zwei Drittel des deutschen Volkes vom deutschen Volk ausschließen." Die Münchner, das waren die Nazis.

Auch der Sozialdemokrat Friedrich Ebert beschwor nach dem Ersten Weltkrieg die Gemeinschaft des Volkes, dito Konservative, Bürgerliche, das katholische Zentrum. Männer wie Ebert allerdings hatten den demos im Blick, die Gesamtheit der Bürger, die sie nach den blutigen Wirren der Nachkriegszeit unter demokratischem Banner einen wollten. Das Politische, die Demokratie, sollte auch aus der Gesellschaft heraus entstehen, nicht nur staatlich verordnet werden. Auf der Rechten hingegen operierte man bereits an völkischen Ausschlussverfahren, am ethnos: Blut, Boden, Lebensraum. Wer ist das Volk nicht? Die Juden!

Der Begriff der Volksgemeinschaft ist dadurch unrettbar kontaminiert, sagt Wildt. Entgiften jedenfalls wird ihn gewiss nicht, wer das Volk nicht nur gegen "die da oben" behauptet, sondern es sich auch entlang von Kultur und Herkunft zurechterfindet.

Die neurechten Populisten sprechen denn auch, anders als sie vorgeben, eine diffuse, hochideologische Sprache. In ihrem Volksbegriff verbindet sich die Fürsprache für die "kleinen Leute" – mehr Mitbestimmung! – mit völkisch-elitären Abgrenzungsgesten: Wer ist das Volk nicht? Die Muslime! Sie als Antidemokraten abzutun greift gleichwohl zu kurz. Ethnokraten träfe es besser.

"Jede wirkliche Demokratie beruht darauf, dass nicht nur Gleiches gleich, sondern, mit unvermeidlicher Konsequenz, das Nichtgleiche nicht gleich behandelt wird. Zur Demokratie gehört also notwendig erstens Homogenität und zweitens – nötigenfalls – die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen." Der spätere NS-Jurist und "Führer"-Verehrer Carl Schmitt, Anfang der zwanziger Jahre.

Auch die Demokratie selbst, scheint es, kann sich mitunter nicht dagegen wehren, zitiert zu werden.