Was den Laien am meisten wundert: Die Umwandlung der deutschen Wälder im großen Stil macht auch vor eigentlich geschützten Gebieten nicht halt. Der Brandenburger Wald des Fürsten liegt tatsächlich in einem Natura-2000-Gebiet; das bedeutet, der Fürstenforst gehört zu einem europaweiten Netz von Schutzgebieten zur Erhaltung gefährdeter oder typischer Lebensräume und Arten. Hier in Brandenburg sind das zum Beispiel seltene Vogelarten wie der Schrei- und der Seeadler. Ein paar Tümpel in der Nähe sind Brutplätze für Kraniche.

Weil der Wald im Naturschutzgebiet liegt, gelten für Besucher strenge Regeln: Sie dürfen die Wege nicht verlassen, keine Blumen pflücken, und Hunde müssen angeleint werden. Bäumefällen ist nicht verboten.

Warum im Naturschutzgebiet geholzt werden darf, erklärt sich aus einer schwammigen Formulierung im Bundeswaldgesetz: "Der Wald soll im Rahmen seiner Zweckbestimmung ordnungsgemäß und nachhaltig bewirtschaftet werden." Doch was ordnungsgemäß und was nachhaltig ist, sagt das Gesetz nicht. Und die Bundesländer, die dieses Gesetz in ihre Landesgesetze umsetzen und präzisieren müssen, formulieren ebenso vage. Dass diese Ungewissheit den Waldbesitzern weitgehend freie Hand lässt, zeigt sich erst deutlich, seit die Holzpreise steigen.

Die Naturschutzverbände können da auch nur wenig ausrichten. "Das Problem ist, dass wir immer nur bruchstückhaft mitbekommen, was in den öffentlichen Wäldern tatsächlich passiert", sagt Mark Harthun, Geschäftsführer des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) in Hessen. Die Landesforstbetriebe mauern, wenn es darum geht, die Daten rauszurücken, anhand derer nachvollziehbar wäre, was und wo gefällt wurde. Greenpeace verklagte deswegen 2012 den Betrieb Bayerische Staatsforsten auf Herausgabe der forstlichen Karten. In der ersten Instanz verlor die Naturschutzorganisation. Greenpeace ging in Berufung, das Ergebnis der Revision steht aber noch aus.

Das Treiben der Waldbesitzer mag Naturschützern Unbehagen bereiten, aber es ist nicht verboten. Solange die Gesetze sich nicht ändern, bleiben Umweltorganisationen auf Kontrollen von Freiwilligen angewiesen. Greenpeace kartierte viele Jahre lang im Spessart die Buchen. Regelmäßig "ertappte" die Umweltschutzorganisation die Bayerische Staatsforsten dabei, wie sie in dem Schutzgebiet alte Bäume abholzte. Der BUND gibt jährlich seinen Waldreport heraus, in dem er die eklatantesten "Verstöße" auflistet. Die Bayern zum Beispiel fällen im Spessart seit einigen Jahren konsequent die Eichen aus Buchen-Mischwäldern. Im Hessischen Ried wurde 2014 ein Laubmischwald auf etwa zwei Hektar kahlschlagartig aufgelichtet, um dort eine Kiefernmonokultur zu pflanzen. Das Forstamt Wolfenbüttel führt in seinen Eichenwäldern regelmäßig Kahlschläge durch; die gefällten Bäume werden vor Ort zerhäckselt. Im Naturschutzgebiet Lerchenberg in Niedersachsen ließ die zuständige Forstbehörde 2014 fast alle Buchen, die über 120 Jahre alt waren, fällen.

Um einen Wald zu erleben, der über lange Zeit sich selbst überlassen wurde, muss man vom Forst des Fürsten zu Oettingen-Spielberg nur ein paar Kilometer südwärts fahren. Dort ist der Faule Ort, ein 14 Hektar großes Stück Wald zwischen Autobahn und Bahnschienen. Der Faule Ort steht seit über 90 Jahren unter Naturschutz. Hier wird gar nicht mehr geerntet. Hier wachsen vorwiegend Buchen, manche bis zu 200 Jahre alt. Dazwischen dicke Eichen, ab und an eine Esche. Das Unterholz ist dicht, manchmal liegt ein umgefallener Baum auf dem Weg. Es gibt junge, schlanke Bäume, aber auch alte, verwachsene. Manche sind gespalten, bei einigen fällt die Rinde ab, andere lassen in dicken Astlöchern tiefe Höhlen erahnen.

"Solche Bäume finden Sie in einem Wirtschaftswald fast nicht. Für die erzielt man keine guten Preise. Außerdem nehmen sie Platz weg, deswegen werden sie schnellstmöglich entfernt", erklärt Stefan Adler, Waldexperte beim Nabu. Doch genau solche Bäume, die im Fachjargon Habitatbäume heißen, braucht ein gesunder Wald. Sie sind Brutstätten für Fledermäuse und Schellenten, in mancher großen Höhle haust eine Wildkatze.

Nicht nur Naturschützer wünschen sich so viel Wildnis, im Prinzip hat sich auch der Bund dazu bekannt. Auf der Biodiversitätskonferenz von Rio de Janeiro unterschrieb Deutschland ein internationales Umweltabkommen. Die Unterzeichner verpflichteten sich, in ihren Ländern eine nationale Biodiversitätsstrategie zu formulieren und umzusetzen. Das tat die Bundesregierung 2007 und schrieb in der Strategie fest, dass bis 2020 fünf Prozent der Wälder insgesamt und zehn Prozent der öffentlichen Wälder einer natürlichen Entwicklung zu überlassen seien. Die verbleibenden Wälder sollen nachhaltig bewirtschaftet werden, sodass sie sich hin zu naturnahen Waldökosystemen entwickeln können.

Doch der Bund hat die Rechnung ohne die Bundesländer gemacht. Die müssten die Strategie umsetzen. Deutschlandweit stehen laut einer Untersuchung des Bundesumweltministeriums erst zwei Prozent der Wälder unter Schutz. Im August 2016 fragte Greenpeace nach. Das Ergebnis war ernüchternd: Einzig Nordrhein-Westfalen hat bisher das gesetzte Ziel von zehn Prozent erfüllt. Schlusslichter sind die beiden Länder mit dem größten Waldvorkommen, also auch den größten Umwidmungsflächen: Bayern und Hessen.