Eigentlich, sagt Wolfgang Soffner*, würde er den Menschen, über deren Schicksal er entscheidet, gern in die Augen gucken. Dem Familienvater, der behauptet, er käme aus Syrien. Dem Jungen aus Afghanistan, der erzählt, die Taliban hätten seine Familie bedroht. Der Frau, die sagt, sie habe im Irak gelebt, bis IS-Milizen sie vergewaltigt hätten. Eigentlich müsste Soffner ihnen zuhören, müsste Fragen stellen, müsste nachhaken, wenn ihm eine Geschichte unglaubwürdig erscheint.

Soffner ist Entscheider im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er bestimmt, ob ein Asylbewerber anerkannt oder abgelehnt wird. Er weiß, dass es Schauspieler und Simulanten gibt, er kennt Flüchtlinge, die haben sich Taschentücher an die Augen gedrückt, die getränkt waren mit Zwiebelsaft. Er weiß aber auch, dass Menschen, die Schlimmes erlebt haben, darüber oft nicht sprechen können. "Bei denen muss man Vertrauen schaffen", sagt er, "da muss man wie ein Archäologe vorsichtig Schicht für Schicht abtragen, bis die Wahrheit zum Vorschein kommt."