"Wir werden überschüttet mit Klagen gegen das Bundesamt", sagt Robert Seegmüller, Vorsitzender des Bundes Deutscher Verwaltungsrichter. "Das liegt an der hohen Zahl an Entscheidungen, aber mitunter auch an der Qualität der Bescheide." Aus der Arbeitsgemeinschaft der Asylanwälte im Deutschen Anwaltsverein heißt es, die Qualität der Anhörungsprotokolle und Asylbescheide habe "im letzten Jahr deutlich gelitten".

Die Verwandlung des Bundesamts von einer routinierten Behörde in eine zahlenfixierte Hochleistungsmaschine begann im Herbst 2015. Damals, als am Münchner Hauptbahnhof im Stundentakt Flüchtlinge aus überfüllten Zügen steigen, als überall in Deutschland Unterkünfte eingerichtet werden, in Turnhallen und eilig aufgespannten Zelten, damals werden die Mitarbeiter in der Zentrale des Bundesamts in Nürnberg nervös. Sie wissen, dass die rund 2.000 Mitarbeiter des Amts nicht ausreichen, um die Anträge von einer Million Flüchtlingen zu bearbeiten.

Jahrelang hatte die Bundesregierung das Amt kaputtgespart. Schon bevor die Grenzen 2015 geöffnet wurden, lagen auf den Schreibtischen der Beamten mehr als 300.000 unerledigte Asylanträge. Jetzt aber steht die Behörde im Zentrum des politischen Sturms. Von der Arbeit der Beamten hängt nun nicht mehr nur die Zukunft der Flüchtlinge ab. Sondern auch das politische Schicksal der Kanzlerin.

Die spricht auf einmal aus, was sie zuvor offenbar nicht für dringlich hielt, und teilt mit: Die Behörde sei "nicht optimal eingestellt". Mitte September tritt der damalige Chef des Bundesamts zurück. Einen Tag später holt die Regierung einen Mann an die Spitze der Behörde, der sich auskennt mit Optimieren: Frank-Jürgen Weise, Leiter der Bundesagentur für Arbeit, einstiger Bundeswehrsoldat und Controller. Er ist zwar kein Asylexperte, aber er hatte Jahre zuvor die Arbeitsagentur umgebaut, mithilfe der Unternehmensberatung McKinsey.

Im Herbst 2015 klopft Weise erneut bei McKinsey an. Die Berater sollen das Bundesamt auf Trab bringen. Sie bekommen dafür viel Geld. Eine Ausschreibung gibt es nicht. Später wird Weise noch mehr Aufträge vergeben, zum Beispiel an Roland Berger oder Ernst & Young. Allein für das Jahr 2016 bekommen die Berater insgesamt 25 Millionen Euro.

Sie ziehen in den Ostflügel der ehemaligen Kaserne, in der das Bundesamt untergebracht ist, auf einen breiten Flur mit mannshohen Aktenschränken. Hier sollen sie Vorschläge unterbreiten, wie das Amt die rasant steigende Zahl von Asylanträgen so schnell wie möglich abarbeiten kann.

Die Berater organisieren das Bundesamt wie eine Fabrik: Sie ersetzen Menschen durch Maschinen – und haben Erfolg damit. In der Poststelle, wo täglich 30 000 Dokumente eingehen, lassen sie viele Briefe nun digital verschicken. Die Verwaltungsgerichte, die früher wochenlang auf eine Asylakte warten mussten, bekommen die Unterlagen nun in 30 Minuten. Auch die Registrierung der Flüchtlinge verkürzt sich deutlich: Um Fingerabdrücke und Personalien aufzunehmen, brauchen das Bamf und die Polizeibehörden nun im Schnitt nicht mehr drei Stunden, sondern nur noch 20 Minuten.