"Pass auf, dass du kein Junkie wirst" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Jakubzik, Sie schreiben über Aussteigerfantasien, aber am Ende jeder Erzählung machen Ihre Protagonisten weiter. Warum?

Frank Jakubzik: Ich kenne niemanden, der hinschmeißt.

ZEIT: Aber fast jeder hat Ausstiegsfantasien.

Jakubzik: Klar, die kenne ich auch. Wenn in den neunziger Jahren ein Verlagslektor aufhörte und sich selbstständig machte, hatten die übrigen Lektoren so ganz komisch verhüllte Blicke, eine Mischung aus Neid und Angst und auch Ressentiment. Aber sie blieben.

ZEIT: In einer Umfrage unter Führungskräften hieß es, die beiden wichtigsten Eigenschaften, die man heute haben müsse, seien Aushalten und Durchhalten. Warum tun sich Menschen das an?

Jakubzik: Letztlich, scheint mir, weil sie Zugehörigkeit empfinden wollen. Wir alle bleiben länger im Büro und machen Überstunden, weil uns das ein Zugehörigkeitsgefühl gibt. Und dabei ist es noch schöner, wenn sonst nur wenige in der Firma arbeiten und die meisten Lichter bereits aus sind, dann haben wir einen heroischen Zusatznutzen. Alle diese Emotionen werden bedient durch die ständige Überforderung der Mitarbeiter. Je mehr ich überfordert bin, desto zugehöriger fühle ich mich, desto weniger habe ich ein Gegengewicht: Kaum mehr in der Familie, schon gar nicht im Sportverein, da geht überhaupt keiner mehr hin, man geht ja ins Fitness-Studio, wo es keine Zugehörigkeit gibt, sondern jeder einzeln für sich ist.

ZEIT: Einsamer Individualismus!

Jakubzik: Früher habe ich gedacht: Ich will niemals in einem gesicherten Rentenjob landen, wie ihn unsere Elterngeneration hatte. Also Abitur, Studium, Festanstellung, schließlich Rente. Das wollte keiner aus meiner Generation. Jetzt haben wir das, was wir uns damals wünschten. Answered prayers, um mit Truman Capote zu sprechen: die völlige Flexibilisierung. Unser einziger Lebenssinn soll die Arbeit sein, aber leider taugt sie gar nicht zur Selbstverwirklichung.

ZEIT: Sie schildern das Unglück Ihrer Figuren als einen Effekt des Neoliberalismus. Deshalb heißt Ihr Buch im Untertitel "Erzählungen aus den kapitalistischen Jahren". Aber hat das, worunter Ihre Figuren leiden, wirklich so viel mit Kapitalismus zu tun, geschweige denn mit Neoliberalismus? Leiden die Figuren nicht vor allem unter dem, was es zu allen Zeiten gab: Unterordnungszwang, Ohnmacht, tödliche Routinen? Vermutlich litt man auch als preußischer Beamter unter Kaiser Wilhelm unter Entfremdung.

Jakubzik: Mir fehlt es an konkreter Erfahrung mit dem Wilhelminismus, ich könnte mir vorstellen, dass sich das mutatis mutandis übertragen lässt, aber gerade diese Mutationen interessieren mich ja. Dass unsere ganze Lebenswelt neoliberal geworden ist, habe ich erst nach der Finanzkrise wirklich begriffen. Nach zwanzig freiberuflichen Jahren denke ich heute manchmal: Was war ich für ein Idiot, dass ich mir nicht einen Job gesucht habe, in dem ich von neun bis fünf arbeite, dann die Akte zuklappe, nach Hause gehe und ein Gedicht schreibe.

ZEIT: Jetzt reden Sie sich einen Rentenjob schön.

Jakubzik: Zumindest im Rückblick erscheint mir das lebbar, dieses Konstrukt: Ich reiße den Job auf einer Backe ab, und danach habe ich Familie, Freizeit, Freunde. Ich nehme nichts aus dem Büro mit nach Hause, ich denke nicht weiter über das Projekt nach, ich rufe keine Kunden nach Feierabend an.

"Es ist wie ein Schuss soziales Heroin"

ZEIT: In Ihrem Buch schreiben Sie über die Mitarbeiter des fiktiven IT-Konzerns McWorthy. Diese Menschen versuchen, sich das Arbeitsleben irgendwie erträglich zu machen, oder überwinden sich zu immer neuen Verbiegungen und Unterwerfungen. Sie sind gefangen "in der mittleren Ebene" des Konzerns. Woher wissen Sie, wie es in der Arbeitswelt zugeht?

Jakubzik: Ich habe acht Jahre lang freiberuflich für Agenturen gearbeitet, als die Kinder klein waren und ich Geld verdienen musste, was mit Übersetzen nicht in dem Umfang geht. Ich habe sogenannte Industriefilme gedreht, das meiste waren Referenzkunden-Videos: Jemand kauft eine Software oder eine Hardware und kriegt einen Preisnachlass, wenn er bereit ist, als Referenzkunde aufzutreten.

ZEIT: Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?

Jakubzik: Man fliegt mit völlig irrsinnigen Etats morgens nach Kopenhagen, Businessclass, weil man nur dort die Kamera mit ins Handgepäck nehmen kann. Wenn die ins Bordgepäck muss, friert die möglicherweise ein, und man kann zwei Stunden nicht drehen, bis sie wieder aufgetaut ist. Deswegen fliegen Redakteur und Kameramann und dann auch der Tonmann, weil man nicht ungerecht sein will, Businessclass. Dann hat man diese herrlichen heißen Handtücher bei British Airways und die köstlichen Pralinen der Lufthansa, ach! Andererseits ist alles extrem getaktet, man fliegt morgens um 7.30 Uhr nach Kopenhagen, fährt mit dem Taxi zu der Firma, guckt sich die Räume an, entscheidet, wo die Kamera aufgebaut wird, macht eine Dreiviertelstunde Interview und packt alles wieder ein. Auf diese Weise habe ich mit vielen IT-Verantwortlichen unterschiedlicher Firmen gesprochen. Wir haben auch andere, größere Projekte gemacht. Es gab, am Literaturbetrieb gemessen, irrsinnige Etats, weil irgendein Marketing-Typ bereit war, dafür hunderttausend Euro rauszutun.

ZEIT: Wie hat sich das angefühlt als Übersetzer in dieser Welt?

Jakubzik: Ich bin sehr drauf abgefahren, ich fand das toll, so wichtig zu sein, ich fand es toll, so unter Zeitdruck zu stehen.

ZEIT: Woran merkt man die Wichtigkeit?

Jakubzik: Das habe ich mich auch gefragt. Es ist wie ein Schuss soziales Heroin. Nach den ersten drei Monaten habe ich gedacht: Pass auf, dass du kein Junkie wirst.

ZEIT: Ein Beispiel!

Jakubzik: Es werden einem keine roten Teppiche ausgerollt, aber man merkt es daran, dass man Technikern, Programmierern oder Kameraleuten sagt, was sie tun sollen. Also dass man plötzlich dienstbare Geister hat, die die eigenen Vorstellungen umsetzen. Sie merken es auch daran, wie knapp und konzentriert Ihnen die Agentur erklärt, was Sie machen sollen, und Sie dann allein lässt damit, in Selbstverantwortung. Sie merken es daran, dass Sie einen Spesenetat haben und in Lokalen essen gehen, die Sie sich privat nicht leisten können. Letztlich schon daran, dass in der Firma teurere Möbel stehen als in Ihrer Wohnung.

"Mir ist in Meetings immer aufgefallen, dass es überhaupt keine Kämpfe gibt, es wird alles hinter Fassaden dreimal hintenrum gewickelt"

ZEIT: Ein Satz in Ihrem Buch könnte auch aus einem Lehrbuch für Alphamännchen stammen: "Wer sich eine Demütigung anmerken lässt – und damit in letzter Konsequenz: wer sie überhaupt nur empfindet, wird niemals Chef eines Dax-Konzerns. Nicht einmal eines ganz kleinen."

Jakubzik: Als ich in meiner Jugend erstmals das Wort "Zumutung" gehört habe, wusste ich gar nicht, was damit gemeint ist. Es gibt auch den Ausdruck "schmerzfrei" in der Wirtschaftswelt, der ist so ähnlich wie "beratungsresistent" oder "merkbefreit".

ZEIT: Merkbefreit?

Jakubzik: Merkbefreit ist jemand, der nichts mitkriegt, der wie so ein Panzer durchrollt. Ich habe mit Leuten in unterschiedlichen Hierarchiestufen zu tun gehabt. Eine Beobachtung war, dass Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen, die selbst noch Eigentümer sind, in einer ganz anderen Weise reden, mit viel mehr Überblick, mit viel mehr Spielraum, als ihn noch so hohe Hierarchen in einem Großkonzern haben. Ich habe Konzernmanager erlebt, die in der Lage waren, völlig schmerzfrei über schreckliche Dinge hinwegzugehen, auch Dinge, die sie Untergebenen antaten.

ZEIT: Kann man sich so etwas antrainieren?

Jakubzik: Ich glaube, das trainiert sich von selbst an. Gerade Leute, die ein bisschen sensibler sind, merken relativ schnell, dass ihnen ihre Sensibilität im Weg stehen würde in diesem System, und die üben dann den eisernen Gesichtsausdruck. Irgendwann schaffen sie es tatsächlich, diese Sachen sofort zu vergessen oder darüber hinwegzugehen, wo ich in noch nicht einmal vergleichbaren Fällen drei Wochen grübeln würde: Habe ich dem jetzt Unrecht getan, war das unfair, muss ich mich da entschuldigen?

ZEIT: Einer Ihrer Protagonisten, Randers, freut sich, nach Feierabend die Serie Dr. House anzuschauen. Eigentlich bedeutet ihm die Serie nichts. Aber er träumt davon, endlich nicht mehr rumgeschubst zu werden, sich "wie ein richtiges Arschloch aufführen" zu können.

Jakubzik: Ich hatte mich gefragt: Warum gucken so viele Leute gerade aus der IT-Branche Dr. House? So oft hatte ich IT-Berater sagen hören: "Boah, der House, was der wieder gemacht hat!" House’ völlige Rotzigkeit gegenüber allen Kennziffern haben die heiß bewundert.

ZEIT: In einer Geschichte wird ein Geschäftsreisender im Wald vergewaltigt. Er unternimmt keinen Versuch, sich zu widersetzen. "Es scheint besser, lieber noch einen Moment zu warten", schreiben Sie, "das hat sich in Verhandlungen oft als ziemlich nützlich erwiesen: erst mal bis zehn zählen."

Jakubzik: Mir ist in Meetings immer aufgefallen, dass es überhaupt keine Kämpfe gibt, es wird alles hinter Fassaden dreimal hintenrum gewickelt. Keiner will für irgendwas Verantwortung übernehmen. Die ursprünglichen Familienunternehmer haben irgendwann die Verantwortung auf die Manager abgeschoben, und die Manager machen jetzt dasselbe und schieben sie auf die einzelnen Profit-Center oder auf die einzelnen Mitarbeiter ab.

"Von Lebensglück ist nicht die Rede"

ZEIT: Verlockend erscheint einem die Welt der mittleren Ebene ja nicht.

Jakubzik: Die mittlere Ebene geht vom Facility-Manager bis zum Vice-President. Darunter gibt es dann fast nur noch Ausgestoßene, mit denen überhaupt nicht mehr geredet wird, die nur noch auf Pfiff für Mindestlohn rangekarrt und wieder fallen gelassen werden. Und darüber gibt es irgendwelche Götter, über die ich Ihnen leider nichts sagen kann, da fehlt mir die Erfahrung. Vielleicht werden auf dieser Götterebene die Entscheidungen getroffen, keine Ahnung, in der mittleren Ebene tut’s ja niemand.

ZEIT: Sie schreiben an einer Stelle: Je mehr Detailfragen jemand stelle, desto sicherer könne man sein, dass er in der Sache nichts zu entscheiden habe.

Jakubzik: Manager wissen, dass es am cleversten ist, Entscheidungen zu vermeiden und hinterher auf der Seite zu stehen, die gesiegt hat. Falls sich das überhaupt noch feststellen lässt, denn meistens gibt es nur ein ständiges Weiter, Weiter, Weiter.

ZEIT: Was hält die Leute der mittleren Ebene denn dort?

Jakubzik: Wenn man als junger Vertriebler bei einem IT-Konzern anfängt, wird man zuerst auf ein Gebiet gesetzt, das enorme Umsätze generiert, dann hält man sich in der Regel für einen Top-Mann, kauft sich einen Porsche und ein Haus, das man abbezahlen muss. Erst dann wird man auf die Gebiete angesetzt, wo es schwierig wird. Die Leute so vorzuführen ist unternehmerisches Kalkül. Von Lebensglück ist nicht die Rede.

ZEIT: Ihre Figuren lechzen nicht nach der Ruhe des Feierabends, sondern nach Anerkennung.

Jakubzik: Ich habe mal zu einem meiner Agentur-Kunden gesagt: Ich könnte eigentlich ein bisschen mehr Anerkennung gebrauchen. Die Antwort, die ich bekam, war: Ich auch. Das werden Ihnen Ihre Chefs wahrscheinlich auch sagen. Das scheint mir ein fast schon satanisches Abkommen zu sein: Ich erkenne dich nicht an, du erkennst mich nicht an, und das ist dann unsere Gemeinsamkeit.

ZEIT: Jetzt haben wir viel über traurige Dinge gesprochen, über Aushalten, Durchhalten und Mithalten. Was ist das Tröstliche an der Tristesse?

Jakubzik: Mein Trost ist, dass sie eine literarische Form gefunden hat.

ZEIT: Das ist für die Leute in der mittleren Ebene kein Trost.

Jakubzik: Wenn sie mein Buch lesen, vielleicht schon. Ich wollte auch nicht unbedingt trösten, mein Ziel waren 30.000 Kündigungen in der Großindustrie.