Was sich in den folgenden Jahren an deutschen Schulen ereignet, ist ein Beleg für die Wirksamkeit von Politik. Das Ziel wird erreicht: Mehr und mehr Kinder gehen aufs Gymnasium, mehr und mehr Schüler melden sich zum Abitur an. Und dank der Reformen sitzen zwischen Emilia und Jonathan nun tatsächlich hin und wieder auch eine Ayşe oder ein Kevin. Man kann das als Erfolg sehen. Die Klassen werden bunter, das deutsche Schulsystem wird gerechter.

Und die Abiturprüfungen?

Besuch in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Es empfängt ein Mann im grauen Dreiteiler, runde Brille, akkurat frisiert. Ein Beamter. In diesem Artikel tritt er anonym auf, denn was er erzählen will, sagt er, könnte seine Pensionsansprüche gefährden. Kurz vor dem Ende von 40 Jahren im Schuldienst sei es das nicht wert. Der Mann soll hier Herr Frese heißen.

Ein paar Worte zu Freses Biografie: Mit Mitte 20 wird er Mathematiklehrer an einem Gymnasium, damals, Ende der siebziger Jahre, macht nur knapp jeder fünfte Schüler Abitur. Ende der achtziger Jahre übernimmt Frese für die Schulaufsicht seines Bundeslandes die Funktion, die Abituraufgaben abzunehmen. Damals unterliegen diese noch den einzelnen Schulen. Frese prüft die Aufgaben, bevor sie den Abiturienten gestellt werden. Ergeben sie Sinn? Sind sie zu leicht, zu schwer? Frese liest, rechnet nach, bittet, wenn nötig, diese oder jene Schule um Korrekturen.

Man muss hier kurz erwähnen, dass Herr Frese die Mathematik liebt. Wenn er von der Riemannschen Vermutung erzählt oder dem Collatz-Problem, ist es, als spreche er über alte Freunde, nicht über tote Zahlen.

Als Mitte der nuller Jahre auch sein Bundesland das Zentralabitur einführt, also einheitliche Prüfungen, die für alle Schulen gelten, ist Frese derjenige, der die Mathematikaufgaben stellt. Jedenfalls eine Zeit lang. Denn nach ein paar Jahren reicht es ihm: "Ich konnte das nicht mehr verantworten", sagt er.

Er meint das stetig sinkende Niveau.

Früher sei es so gewesen, sagt Frese: Die Schulen hätten ihre Vorschläge für die Abiturklausuren eingereicht, Umschläge voller Überraschungen. Schon damals habe es Schulen gegeben, die gerade so den Mindeststandard eingehalten hätten, aber die meisten hätten darüber gelegen. Mit der Einführung des Zentralabiturs sei das vorbei gewesen. Von nun an habe für das ganze Land nur noch der Mindeststandard gegolten. Die Zahl der erfolgreichen Abiturienten sollte ja nicht sinken, sondern steigen. Der Gymnasiast aus dem reichen Vorort, mit jahrelanger Nachhilfe auf Spitzennoten gedrillt, sollte die Prüfung ebenso bestehen wie der Gesamtschüler im Problembezirk.

Also orientierte man sich am unteren Ende des Leistungsspektrums. "Wir mussten sichergehen, dass alle das hinbekommen", sagt Herr Frese.

Es ist wichtig, zu betonen, dass es tatsächlich keine direkte Anweisung von oben, aus dem Kultusministerium gab, den Abiturienten künftig nur noch leichte Fragen zu stellen. Aber allen Beteiligten sei klar gewesen, sagt Herr Frese, dass die ganzen Reformen sinnlos gewesen wären, wenn all die neuen Abiturienten durch die Prüfung gerasselt wären. Also seien in vielen Runden mit Dezernenten aus den Schulbehörden die Standards "heruntergekocht" worden, so Frese. Hier ein bisschen weniger analytische Geometrie, dort etwas einfachere algebraische Gleichungen. Frese sagt: "Die Politik will den schwachen Schülern nicht das Abitur vorenthalten."

Herr Frese versuchte, sich dem Niveauverlust zu widersetzen. Vergeblich. Am Ende gab er auf. Er unterrichtet jetzt noch ein paar Jahre vor sich hin, die Abituraufgaben denken sich andere aus. Bequemere Typen, wie er sagt.

Ein Anruf bei Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor der Humboldt-Universität in Berlin. Tenorth ist Deutschlands bekanntester Bildungshistoriker. Stimmt das, was Herr Frese sagt – wird das Abitur wirklich leichter? Tenorths Antwort: Die Politik habe die Entwicklung zu mehr Abiturienten befördert. "Dass nun die Anforderungen geringer geworden sind, ist völlig klar."

Man erkennt das zum Beispiel an den Streifenhörnchen.

Eine Aufgabe aus einer deutschen Abiturprüfung des Jahres 2009, Leistungskurs Biologie. Das Thema: Populationsökologie. Es geht um die Wechselwirkungen zwischen Tieren und ihrer Umwelt. Die Schüler bekommen folgenden Text vorgelegt:

In den Laubwäldern Nordamerikas leben Streifenhörnchen (Tamias striatus). Sie ernähren sich vor allem von Samen, insbesondere von Eicheln. Wenn die Eichen sehr viele Eicheln haben, spricht man von "Mastjahren". In solchen Mastjahren ist die Überlebensrate von kleinen Nagetieren im Winter allgemein höher. Streifenhörnchen sind die bevorzugten Wirte von parasitischen, blutsaugenden Zecken (Ixodes scapularis). Die Zecken saugen in ihrem Leben dreimal Blut: erst als Larve, dann nach der Häutung als Nymphe und nach einer weiteren Häutung schließlich als erwachsenes Tier, das ein größeres Säugetier als Wirt sucht. Die Entwicklung dauert mehr als ein Jahr. Anschließend erfolgen Paarung und Eiablage. Im amerikanischen Bundesstaat New York wurden in einem Langzeitprojekt über 8 Jahre in einem Laubwald die Eichelmenge, die Zahl der Streifenhörnchen und die Zahl der Zeckennymphen untersucht.

Eine Abbildung unter dem Text zeigt das Resultat dieser Untersuchung. Man sieht eine Grafik mit drei unterschiedlich verlaufenden Linien. Die erste Linie beschreibt die Eichelmenge, die zweite die Zahl der Streifenhörnchen, die dritte die Zahl der Zeckennymphen. Es ist unschwer zu erkennen: Wenn besonders viele Eicheln an den Bäumen hängen, wächst die Streifenhörnchen-Population – und daraufhin auch die Zahl der Zecken.