Genau so kommt es. Amri hat sich aus dem Drogenmilieu gelöst. Er lebt jetzt halal, weitgehend jedenfalls. Auf seinem Handy finden die Ermittler später eine beachtliche Sammlung von Pornofilmen. Die Zugriffsprotokolle zeigen, dass er im Oktober aufhört, sie anzusehen. Man könnte sagen, dass er sich zur Vorbereitung der finalen Tat diszipliniert.

Dann erhalten die deutschen Behörden unerwartet eine letzte Chance.

Am 19. September hatte sich erstmals der marokkanische Geheimdienst DGST beim BKA gemeldet und zwei Fotos von Amri geschickt, auf einem steht er als Jugendlicher auf einem Platz, vermutlich in Tunesien. Das andere zeigt ihn mit Bart und Kopfbedeckung und wurde wohl kürzlich aufgenommen. Der is lamonaute tunisien, wie die Marokkaner Amri nennen, habe sich "zum 'Islamischen Staat' bekannt", hieß es im Begleitschreiben, er habe "einen Plan, zu dem er keine weiteren Einzelheiten nennen will". Amri hege den "Wunsch, sich dem IS im syrisch-irakischen Gebiet oder in Libyen anzuschließen".

Vier Wochen später meldete sich der DGST erneut. Die Marokkaner übermittelten den Deutschen eine neue Handynummer Amris, sie notierten, er stehe "mit Dschihad-Anwärtern in Kontakt, die sich zum IS bekennen".

Dem Schreiben beigefügt waren Kopien von Fotos, die Amri und seine Freunde zeigen, einen russischen Islamisten, einen Deutschmarokkaner, der mit einer Axt posiert, Kämpfer mit der schwarzen Fahne des IS, dazu einen angeblichen Cousin von Amri, der mit einer Pistole herumfuchtelt. Bilder aus dem Poesiealbum des Dschihad.

Viermal melden sich die Marokkaner insgesamt, das letzte Mal am 17. Oktober 2016. Amri teile sich "seine derzeitige Unterkunft in Berlin mit einem marokkanischen Anhänger von Dschabhat al-Nusra", einem Ableger von Al-Kaida, heißt es in dem Schreiben. Und sie liefern den ahnungslosen Deutschen sogar den Namen von Amris Mitbewohner: Toufik N., ein grimmig dreinschauender Mann, der den Reportern der ZEIT später die Tür vor der Nase zuschlagen wird.

Bei den Dokumenten habe es sich nicht um eine Warnung, sondern nur um Nachfragen der Marokkaner gehandelt, mit diesen Worten rechtfertigen die deutschen Behörden heute, warum sie den Hinweisen keine besondere Aufmerksamkeit beimaßen.

In Wahrheit machen die Marokkaner, die offenbar eine eigene nachrichtendienstliche Operation in Berlin durchführen, in dem Schreiben klar, dass sie die Gruppe um Amri für gefährlich halten, für eine gewaltbereite Zelle von Islamisten. Mit den Informationen der Marokkaner hätten die Deutschen Amri in der entscheidenden Phase ausfindig machen können. Zwar wird das Bundesamt für Verfassungsschutz bei einer erneuten Sitzung des GTAZ am 2. November damit beauftragt, in Marokko nachzuhaken, wie aktuell die Erkenntnisse sind. Tatsächlich aber fragen die Verfassungsschützer dort nicht noch mal nach.

Das Attentat vom Breitscheidplatz

Am Abend vor dem Anschlag, einem Sonntag, trifft sich Amri zum letzten Mal mit seinem besten Freund; das ergibt sich aus späteren Ermittlungen. Der Mann heißt Bilal Ben Ammar, er ist einer der Tunesier, mit denen Amri aus Italien nach Deutschland einreiste. Ben Ammar gilt ebenfalls als IS-Anhänger, gegen ihn ermittelte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin.

Um 21.08 Uhr betreten die beiden das arabische Restaurant Ya Hala in Berlin-Wedding. Sie setzen sich an einen der hinteren Holztische, keine 20 Minuten dauert das Treffen. Was besprechen sie an diesem Abend?

Am nächsten Tag, nur Stunden vor der Todesfahrt, telefonieren die Freunde gegen 14.30 Uhr noch einmal miteinander, das ergibt eine Auswertung von Amris Handy. Wie wahrscheinlich ist es, dass Ben Ammar nichts von dem Anschlag wusste?

Das Friedrich-Krause-Ufer liegt am Berliner Westhafen, eine schmale Straße zwischen einem Kanal und Eisenbahnschienen. Hier parken regelmäßig Lastwagen, oft über Nacht. Anis Amri kennt die Gegend, die Fussilet-Moschee, in der er betet, liegt nur wenige Hundert Meter entfernt. Amri war schon einmal hier, am 15. Dezember. Zeugen haben ihn dabei beobachtet, wie er am Friedrich-Krause-Ufer herumschlich und testete, ob bei einem der Lkw die Türen unverschlossen waren, ohne Erfolg. Die Auswertung seines Handys bestätigt die Aussagen.

Vier Tage später, am Abend des 19. Dezember, betritt Anis Amri um 18.38 Uhr die Fussilet-Moschee, vermutlich betet er ein letztes Mal, bevor er das Gotteshaus um 19.07 Uhr wieder verlässt. Er geht in Richtung Norden, die Perleberger Straße entlang, überquert ein Gleisbett und biegt dann vor dem Kanal links ab ins Friedrich-Krause-Ufer.

Der polnische Lastwagen mit 25 Tonnen Stahl parkt entgegen der Fahrtrichtung, an Laterne 16, direkt gegenüber der Einfahrt von ThyssenKrupp. Der Fahrer des Lasters, Łukasz Urban, bereitet sich gerade auf die Nacht im Lkw vor. Er ist einen Tag zu früh an seinem Zielort angekommen, seine Ladung darf er erst am nächsten Morgen löschen.

Amri öffnet die Tür des Lastwagens. Ein Kampf beginnt. Urbans Körper wird später zahlreiche Hämatome an Gesicht, Brust und Oberarmen aufweisen. Amri zieht eine Pistole, eine Erma EP 552, Kaliber 22, mit der er Łukasz Urban in die linke Schläfe schießt. Er dreht den Schlüssel im Zündschloss, löst die Handbremse. Um 19.34 Uhr fährt der Lkw los. Der Wagen sei auch für einen Laien leicht zu steuern gewesen, sagt der Speditionsbesitzer.