"Meine Schwester nennt mich Verräterin"

Erol Özkaraca, 53, Anwalt aus Berlin

Recep Tayyip Erdoğan ist kein Freund einer pluralistischen Demokratie, und damit ist er mein politischer Feind. Wir Deutschen haben doch gelernt, dass Demokratie wehrhaft sein muss. Als Sohn eines Einwanderers höre ich seit über 30 Jahren: Integration bedeute, dass ich die Werte des Grundgesetzes akzeptiere und danach lebe. Nun drehe ich den Spieß um und frage: Wie kann es dann sein, dass sich Berlins Regierender Bürgermeister Mitte März bei einer Kundgebung für die Opfer des Terroranschlags am Breitscheidplatz mit Verfassungsfeinden umgeben hat? Mit Vertretern muslimischer Vereine und Moscheen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden? Wenn es heißt, der politische Islam habe nichts mit Terror zu tun, empfinde ich das als Hohn!

Weil ich sage, dass es in der Einwanderungsgesellschaft auch Verfassungsfeinde, gefährliche Intoleranz und Antisemitismus gibt, werde ich als "Hetzer" und "Türken-Sarrazin" beschimpft. Oder als "islamophob" – ein Kampfbegriff des politischen Islams. Ich bin Muslim. Der politische Islam ist mein Gegner.

Ich saß bis 2016 für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus. Doch vor wenigen Tagen bin ich aus der SPD ausgetreten – nach 23 Jahren. Die Entfremdung von meiner Partei begann, als sie einen Vorstoß für einen Staatsvertrag mit muslimischen Verbänden unternahm, der auch Islamisten aufgewertet hätte. Den Initiatoren kann ich im besten Fall nur Ahnungslosigkeit unterstellen. Würden wir Sozialdemokraten in der Türkei leben, wären wir das erste Angriffsziel des Erdoğan-Regimes gewesen. Es gibt Tausende Menschen, die dort wie Deniz Yücel unschuldig im Knast sitzen. Das sind doch unsere Leute!

Rosa Hêlîn Burç, 26, Doktorandin aus Bonn

Ich bin Jesidin, aber Jesidin zu sein ist nur ein Teil meiner Identität. Wir werden ausgegrenzt, in einem Ausmaß, dass wir uns manchmal selbst vergessen, so kommt es mir zumindest ab und an vor. Es gab eine Zeit in der Türkei, in der in Pässen von Jesiden an die Stelle der Religionszugehörigkeit ein X geschrieben wurde. Nach dem Militärputsch 1980 war das. Trotzdem bedeutet mir die Türkei etwas. Genauso wie Deutschland. Deshalb fühle ich mich angegriffen, wenn Erdoğan Deutschland Nazi-Methoden vorwirft und gleichzeitig eine Zerstörungspolitik in kurdischen Städten betreibt.

Auch die "andere" Seite irritiert mich: Fragen Moderatoren in deutschen Talkshows türkischstämmige Gäste, ob sie Deutsche oder Türken seien, wundere ich mich, weshalb man da versucht, ein homogenes Bild von Identität durchzudrücken. Ebenso verstehe ich nicht, warum manche Leute hier Erdoğan-Anhängern nahelegen, in die Türkei zu verschwinden, wenn sie ihn so toll finden. Denn das nützt erst mal nur dem türkischen Staatschef und seiner Erzählung von den Feinden, die die Türken angeblich überall umgeben. Erdoğan gewinnt Menschen, die sich in Deutschland verloren fühlen. Es wäre naiv zu glauben, dass das nur die "schlecht Integrierten" seien.

In der derzeitigen Debatte wird immer wieder plumpe Ausländerfeindlichkeit in Türkeikritik verpackt. Dabei gibt es genug Grund für eine ehrliche Kritik an der türkischen Regierung. Zwar hat Erdoğan anfangs das Land geöffnet: Man konnte eine Zeit lang ungestörter öffentlich kurdisch sprechen. Aber das Grundrecht auf kurdischen Muttersprachunterricht ist bis heute nicht anerkannt. Es war eine kulturelle Öffnung, keine politische. Wir sehen, wie brutal die Regierung gegen Oppositionelle vorgeht. Es heißt immer, die AKP-Regierung hätte das Militär in seine Schranken gewiesen, dabei hat sie die Militarisierung der Zivilgesellschaft und den Nationalismus befeuert. Und heute wird das Referendum zu einer Verteidigung der türkischen Nationalehre hochstilisiert.

Ilknur Çeliker, 46, gelernte Glasbläserin und Haushaltshilfe aus Berlin

So etwas wie jetzt, so eine verrückte Situation, habe ich überhaupt noch nie erlebt – und ich bin seit 41 Jahren hier in Deutschland. Neulich habe ich alle Frauen aus der Nachbarschaft zum Essen eingeladen. Ich mache das öfter, und es war früher immer schön, wir haben Tränen gelacht und alles miteinander geteilt. Jetzt plötzlich haben zwei angefangen, sich anzubrüllen. Die wären sich fast an die Gurgel gegangen. Die eine ist Lehrerin. Sie sagt, wer für Erdoğan ist und zu seinem Referendum Ja sagt, der ist ein Verräter. "Du bist eine Verräterin", hat die andere gebrüllt, die sehr gläubig ist. Sie denkt, wer ein guter Muslim ist, muss für Erdoğan sein.

Ich bin auch Muslim, aber das war ich schon vor Erdoğan. Und ich frage mich – wie viele meiner gläubigen Bekannten –, ob der jetzt so etwas will wie im Iran: eine islamische Republik? Das möchte ich auf keinen Fall. Ich liebe Deutschland, weil ich hier frei sein kann. Niemals hätte ich mich in der Türkei von meinem Mann scheiden lassen und dann mit meinen Töchtern allein leben können, wie ich es gemacht habe.

Weder Erdoğan noch Merkel sind meine Regierungschefs. Merkel hat das mit den Flüchtlingen wirklich übertrieben. Es sind zu viele. Als Frau lebt man jetzt gefährlicher. Ich möchte auch nicht, dass die Türkei in die EU kommt, denn dann kämen immer mehr Türken – und zwar nicht die normalen, sondern das Gesindel.

"Momentan gehen sie mir alle auf den Sack"

Die Leute, die gegen Erdoğan sind, halten sich selbst oft für besser gebildet. Aber ich finde, jeder sollte erst mal an sich selbst arbeiten, bevor er anderen Lektionen erteilt. Da, wo ich herkomme – aus Osmaniye, einer Kleinstadt nahe der syrischen Grenze –, gab es Katholiken, Aleviten, Assyrer, Kurden, Fellachen, Araber. Es gab keine Probleme. Hauptsache, man ist ein Mensch.

Mehmet Kocaağa, 38, Versicherungskaufmann aus Hamburg

"Momentan gehen sie mir alle auf den Sack. Der derzeitige Umgang miteinander stört mich extrem. Ich finde, dass einem demokratisch gewählten Präsidenten ein Mindestmaß an Respekt entgegengebracht werden sollte. Hitler-Vergleiche, Diktator-Rufe – ist doch klar, dass die andere Seite dann darauf einstimmt. Ich bin auch sauer auf die Türken, die ebenfalls so niveaulos sind. Dieser Populismus nervt mich, alle sollten sich etwas mehr zurückhalten.

Ich bin Kurde. Aber auch Türke und Deutscher. Wissen Sie, als meine Mutter aus Ağrı, einer der östlichsten Provinzen der Türkei, nach Deutschland kam, konnte sie kein Wort Türkisch. Sie hat die Sprache von ihren türkischen Kollegen in Deutschland gelernt. Wir alle haben eine gemeinsame Geschichte. Warum sieht das gerade keiner? Damals wurden die Menschen im Osten der Türkei vergessen. Die Menschen lebten in Armut. In meiner Kindheit wurden Kurden unterdrückt, die Türkei war damals eine Militärdiktatur. Aus so einer Welt kommen wir. Dass sie heute als Diktatur bezeichnet wird, finde ich paradox.

Erdoğan war der Einzige, der den Mut hatte, gegen das Militär aufzustehen. Der sich mit einer Terrororganisation an einen Tisch gesetzt hat, um über Frieden zu verhandeln. Das war vorher unvorstellbar. Ich konnte es nicht glauben, als ich das erste Mal hörte, wie ein türkischer Regierungschef das Wort "Kurde" überhaupt in den Mund nahm. Das war Erdoğan. Aber die andere Seite hat nicht genug Engagement gezeigt. Die PKK. Ich hätte mir gewünscht, dass sie diesen Weg mit ihm gemeinsam gehen. Aber sie hat bei der Gelegenheit die Verhandlungen torpediert.

Auch das Ausland hat die Türkei ungerecht behandelt. Nach dem Putsch hat man so getan, als hätte die Regierung den Putsch selbst inszeniert. Kein ausländischer Staatspräsident ist kurzfristig in die Türkei gefahren, um das Leid und die Trauer der Bevölkerung zu teilen. Und heute wird der Putsch ganz ignoriert. Es entsteht der Eindruck, als wäre man hier eher auf der Seite der Putschisten. Dass der BND-Chef öffentlich ausschließt, dass die Gülen-Bewegung etwas mit dem Putsch zu tun hat, finde ich verantwortungslos. Das soll doch nur der Regierung in der Türkei schaden.

Für mich ist es wichtig, dass der Umgang zwischen unseren beiden Ländern einfach stimmt. Ich lebe hier, ich werde hier in Rente gehen. Deutschland ist meine Heimat. Und ich werde wahrscheinlich verrückt, wenn der HSV in die zweite Liga absteigt.

Natürlich macht auch die türkische Seite vieles falsch. Ich bin früher meist mit geballter Faust in der Tasche herumgelaufen, weil ich in meinem Leben oft doppelt ausgegrenzt worden bin: von den Deutschen und von den Türken. Es ist wesentlich besser geworden. Aber die Türken haben immer noch einen Kurdenkomplex, den sie endlich überwinden müssen. Lange hatte ich ein Problem mit dem türkischen Staat. Aber jetzt kann ich das Land lieben. Und Erdoğan hat mehr für uns Kurden getan als jemals ein Politiker vor ihm. Jetzt erwarte ich, dass die türkische Regierung den Friedensprozess wieder einleitet. Dass sie das Justizsystem reformiert. Dass nicht jeder Journalist, der seine Meinung sagt, plötzlich als Staatsfeind dasteht.

Ich persönlich glaube, dass, wenn ein Präsident mehr Befugnisse hat, er auch mehr bewirken kann. Niemand in der Türkei will einen Diktator. Das Volk würde ihn stoppen, so wie es die Putschisten gestoppt hat.

Sacit Dizman, 38, Unternehmensberater aus Hamburg

Mein Opa kam in den sechziger Jahren als Arbeiter nach Deutschland. Er hat immer gesagt: "Deutschland ist das Land, in dem ein Muslim als Muslim leben kann." Heute gibt es Brandanschläge auf Moscheen, und ich habe das Gefühl, dass es kaum jemanden interessiert. Das macht mich traurig.

Ich arbeite ehrenamtlich beim Bündnis der islamischen Gemeinden. In vielen unserer Gemeinden fragen sich die Menschen: Was ist eigentlich gerade los zwischen Deutschland und der Türkei? Seit zehn Jahren berate ich deutsche und türkische Firmen, ich bin ständig in beiden Ländern unterwegs. Die derzeitige Konfrontation macht jemanden wie mich, der sich beiden Ländern verbunden fühlt, besonders betroffen.

Noch immer wird einem als Türkischstämmigem das Gefühl vermittelt: Eigentlich wollen wir euch nicht. Auch Ihre Frage, wen ich als meinen Regierungschef betrachte, Kanzlerin Merkel oder Präsident Erdoğan, finde ich merkwürdig. Selbstverständlich Kanzlerin Merkel. Deutschland ist meine erste Heimat, die Türkei meine zweite. Unsere Kanzlerin agiert oft weise, finde ich. In beiden Ländern herrscht Wahlkampf, in der Türkei gibt es bald das Referendum, in Deutschland die Bundestagswahl. Vielleicht müssen wir jetzt da durch und schauen, wie die Lage nach den Wahlen sein wird.

In meinem Freundeskreis erlebe ich alle möglichen Ansichten. Ich finde es wichtig, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Ich glaube nicht, dass sich die Menschen in der Türkei die Demokratie wegnehmen lassen. Das haben sie in der Putschnacht gezeigt. Schade, dass viele das glauben und die Türkei so schlecht kennen."

"Ich hatte immer zwei Identitäten"

Mesut Gül, 35, Kampfsportler aus Geisenheim

Als Kampfsportler weiß ich, um was es beim Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft geht: um Respekt. Respekt für die Leistung des anderen, die Wünsche des anderen, für den Glauben und die Werte des anderen. Diesen Respekt vermisse ich beim Umgang der EU mit der Türkei.

Seit 60 Jahren verspricht der Westen den Türken, dass man sie in die europäische Gemeinschaft aufnehmen möchte. Seit 60 Jahren hält man sie hin und stellt immer neue Bedingungen. Erdoğan hat am Anfang alles versucht, den Forderungen zu entsprechen. Er hat das Land reformiert, die Infrastruktur ausgebaut, Arbeitsplätze geschaffen, ein Gesundheitssystem aufgebaut. Bevor er regierte, schickte mein Vater jeden Monat Geld aus Deutschland an Verwandte in der Türkei, damit sie zum Arzt gehen konnten. Heute ist jeder von ihnen krankenversichert. Man hätte Erdoğans Leistungen bei der Verbesserung der Lebensqualität von Millionen Türken mehr anerkennen müssen.

Vielleicht kann man das mit dem Sport vergleichen: Ich sichte für den hessischen Kickboxverband Talente für die Landesauswahl. Würde ich einem vielversprechenden Kickboxer jahrelang sagen, dass ich ihn bald in die Auswahl hole, er müsse nur noch ein bisschen seine Technik verbessern, seine Schnelligkeit, seine Schlagkraft, und ihn, obwohl er sich in allen Belangen weiterentwickelt, am Ende doch wieder nicht nehme – dann würde er sich irgendwann verarscht vorkommen.

Ich glaube, es sind in den vergangenen Jahren viele leere Versprechungen gemacht worden, es gab viel Heuchelei beim Umgang mit der Türkei. Man muss sich nur den Flüchtlingsdeal anschauen: Die Türken sollten Visafreiheit und ein beschleunigtes EU-Beitrittsverfahren erhalten und im Gegenzug die Flüchtlinge von Europa fernhalten. Die Flüchtlinge werden ferngehalten, und der EU-Beitritt ist dennoch nicht in Sicht. Daraus ist bei vielen Türken eine Enttäuschung gegenüber Deutschland und der EU entstanden, die sich nun in Provokationen und Hassgebärden äußert. Das ist nicht okay, aber irgendwie auch verständlich.

Was ich mir wünsche? Dass die westlichen Regierungschefs offen und ehrlich mit der Türkei sprechen, und umgekehrt genauso. Dann könnte man sich wieder auf Augenhöhe begegnen.

Burcu Sezgin, 33, Soziologin aus Berlin (Name auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert)

Ich habe keinen türkischen Pass, nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Und wenn Sie mich fragen, wer mein Regierungschef ist, dann ist das Angela Merkel, eindeutig. Aber ich fühle mich leidenschaftlich mit beiden Ländern verbunden. In der Türkei habe ich meine Wurzeln, da kommen die Eltern her. Mein Zuhause ist Berlin, hier bin ich zur Schule gegangen, hier habe ich in den Parks gespielt, hier bin ich aufs Gymnasium gegangen, hier wohnen meine Freunde, hier promoviere ich gerade.

Ich hatte immer zwei Identitäten. Jetzt zerbricht dieses Verhältnis, ich muss plötzlich die türkischen Wurzeln kappen. Ich bin nun eine Verräterin, weil ich den Lehren des Sufi-Predigers Fethullah Gülen folge. Man zwingt mir auf, mich für ein Land zu entscheiden.

Vermutlich hatte Gülen gedacht, es sei nicht verkehrt, Erdoğan eine Chance zu geben. Sein Programm war nämlich zu begrüßen. Erdoğan war der Einzige, der die Dinge in Gang setzen, der Reformen durchsetzen konnte. Er versprach den Türken eine moderne Welt, Respekt vor dem Glauben, versprach Bildung und Aufstieg. Die Menschen waren begeistert, dass sie ihre Religion endlich frei leben konnten.

Für mich kam der Bruch mit Erdoğan während der Gezi-Proteste 2013. Seine Haltung war einfach untragbar, er benahm sich überheblich gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden, Linken, LGBT-Leuten und anderen. Er verhielt sich genauso autoritär, wie die Kemalisten es früher taten. Seither hat sich die Lage verschlimmert. Er instrumentalisiert den Staat und die Regierung für seine persönlichen Zwecke. Ich hätte früher nie geglaubt, dass Erdoğan so ein Faschist wird.

Aber am bittersten ist, dass die türkische Innenpolitik meine Familie zerreißt. Meine Eltern möchten, dass ich den Kontakt mit der Gülen-Bewegung abbreche. Mein Vater hat einen Hang zu Erdoğan und versteht die Gülen-Bewegung nicht. Er ist beim türkisch-staatlichen Ditib-Moscheenverein aktiv, eine Sufi-Bewegung wie die von Gülen ist ihm suspekt. Am schwierigsten ist es mit meiner Schwester. Sie ist auch für Erdoğan und sagt, sie habe Angst um mich. Sie nennt mich "Verräterin". Und weil ich vielleicht nie wieder in die Türkei reisen kann, wirft sie mir an den Kopf: "Du bist heimatlos!"

"Ich wollte Deutscher werden"

Feridun Zaimoğlu, 52, Schriftsteller aus Kiel

Ich war fünf Monate alt, als ich nach Deutschland kam. Meine Mutter hat mich in dieses Land getragen. Vor 25 Jahren bin ich dann Deutscher geworden. Damals gab es die doppelte Staatsbürgerschaft noch nicht, also habe ich meinen türkischen Pass abgegeben. Ich wollte das auch. Ich wollte Deutscher werden. Letztendlich lief es auf Pathos heraus, eine milde Form von Pathos: Was ist mein Land? Da musste ich mich entscheiden. Und da kann es keine zwei Antworten geben.

Ich kenne keine guten Argumente für die doppelte Staatsbürgerschaft. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Und es geht um Gerechtigkeit. Jemand, der hier geboren ist und hier lebt, hat nicht die Möglichkeit, zwei Pässe zu haben. Die Töchter und Söhne von Zugewanderten haben diese Möglichkeit. Und das finde ich ungerecht.

Fast alle türkischen und kurdischen Verbände oder Vereine in Deutschland sind eigentlich Heimatvertriebenenorganisationen. Sie blicken nur auf die Türkei. Seit 30 Jahren reden wir davon, dass man die orientalische Art überwinden muss: Ehrenmorde, Aggressivität, Nationalstolz. Das alles muss im Mülleimer landen. Ich habe keine Lust auf Blickduelle mit Männern. Ich habe keine Lust auf diese aggressive Scheiße. Es gibt bestimmte Spielregeln der deutschen Gesellschaft, und die stehen fest. Und wer sich als beratungsresistent erweist, etwa im Verhalten gegenüber Frauen, dem wünsche ich gute Heimreise.

Ich verstehe nicht, wie Türken, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die Türkei immer noch als ihre Heimat betrachten können. Erdoğan hetzt die Leute auf. Er hat das gesellschaftliche Klima in der Türkei vergiftet, und nun vergiftet er das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Es ist ein Kulturkampf. Und er macht in der Türkei gemeinsame Sache mit den Neofaschisten. Im Vergleich zu den Grauen Wölfen ist die NPD ja ein Häschenverein.

Man kann als Türke oder Deutschtürke nicht von der Freiheit in Deutschland profitieren und für die Unfreiheit in der Türkei votieren. Wer das tut, ist feige. Und krank. Wenn man Erdoğan-Unterstützer fragt, warum sie für die Verfassungsänderung stimmen wollen, kommen gar keine Argumente. Sie hören sich an wie bezahlte Angestellte des türkischen Tourismusministeriums. Sie kennen die Türkei nur aus Urlauben. Und dieses Urlaubsland wird dann idealisiert. Ich würde diese Leute am liebsten packen und durchschütteln: Was ist eigentlich los mit euch? Was stimmt mit euch nicht?