DIE ZEIT: Herr Rangnick, Ihr Verein hat die Saison furios begonnen, kämpfte zeitweise sogar um die Herbstmeisterschaft, aber erlebte in der Rückrunde eine Leistungsdelle. Ist es schwieriger, oben zu bleiben als nach oben zu kommen?

Ralf Rangnick: Ja. Wobei das nicht bedeutet, dass der Weg der vergangenen viereinhalb Jahre easy gewesen wäre – aus der vierten Liga auf Platz zwei der Bundesligatabelle. Es ist außergewöhnlich, was wir geschafft haben. Es ist aber immens schwer, sich jetzt in diesen Regionen zu behaupten.

ZEIT: RB hat in der Hinrunde teilweise hinreißenden Fußball gespielt. Hat das geholfen, die Debatte um den Kommerz zu bremsen, die sich an Ihrem Verein wieder und wieder festmacht?

Rangnick: Ganz sicher ein Stück weit, allerdings war das bereits seit letztem Sommer aufgrund unseres Auftretens als gesamter Club schon kein großes Thema mehr. Auch die Branche führte und führt dahingehend keine Diskussion. Damals, als ich Trainer von Hoffenheim war, sind wir als Aufsteiger ähnlich furios gestartet; sind kurz vor Weihnachten als Tabellenführer zu den Bayern gefahren. Außer den richtigen Bayern-Fans hielten alle zu uns, zum Underdog, der München herausfordert. Und jetzt, kurz vor Weihnachten 2016, haben wir mit Leipzig das Gleiche erlebt: Wir sind als Zweiter nach München gefahren, und nicht nur die Leipzig-Fans haben gehofft, dass wir den Bayern ein bisschen Probleme bereiten können.

ZEIT: Dabei müssten Sie die Parallelen zwischen 2008 und 2016 eigentlich beängstigen: Damals verloren Sie mit Hoffenheim knapp und erlebten in der Rückrunde einen Absturz. Diesmal fuhren Sie mit Leipzig kurz vor Weihnachten nach München – und haben erneut verloren. Wie viel Angst haben Sie davor, in der Rückrunde noch den gleichen Absturz zu erleben wie mit Hoffenheim?

Rangnick: Die habe ich nicht. Bis zum Ende der Hinrunde waren wir permanent auf Enter-Kurs. Wenn du im Flow bist, denkst du gar nicht groß darüber nach, wohin das mal führen könnte. Genau so muss es weitergehen. Dass wir keine Mannschaft sind, die locker durch die gesamte Saison spaziert, war uns klar. Außerdem habe ich schon meine Lehren gezogen aus dem, was in Hoffenheim passiert ist.

ZEIT: Welche sind das?

Rangnick: Vielleicht haben wir damals ein bisschen zu viel Statusdenken zugelassen, es ging plötzlich viel um Anerkennung, nach dem Motto: Was machen wir denn jetzt mit unserem schönen neuen Ruhm? Bekommt jeder genug ab von diesem Kuchen? Plötzlich fuhr der erste Ferrari durch Hoffenheim, der in diesem Dorf überhaupt jemals gesichtet worden ist. Wenig später der erste Lamborghini.

ZEIT: Was passiert, Wenn Sie in Leipzig den ersten Ferrari vorfahren sehen?

Rangnick: Natürlich kann es sein, dass irgendeiner unserer Spieler sich jetzt ein neues Auto kauft, das er sich vor drei Jahren noch nicht gekauft hätte. Aber bei uns fährt bislang keiner Ferrari. Wir haben einen Auto-Partner, es herrscht Dienstwagenpflicht, und die Autos sind verhältnismäßig bodenständig. In Hoffenheim kamen die Spieler mit ihren Boliden zum Trainingsgelände gefahren. Das ist schon ein großer Unterschied. Damals waren es auch alles gute Kerle. Aber es waren ein paar exotischere Charaktere dabei. Hier in Leipzig haben wir lauter normale und geerdete Jungs.

ZEIT: Verträgt das System Rangnick keine Starallüren?

Rangnick: Wenn Sie unser laufintensives, temporeiches Spiel meinen, dann stimmt es schon: Damals waren wir plötzlich nicht mehr so geschlossen, nicht mehr so bedingungslos bereit, uns für den anderen einzusetzen. Wir haben in Leipzig – auch aus der Erfahrung von Hoffenheim – beim Gehalt eine Obergrenze, weil wir nicht wollten, dass Neuzugänge immer wesentlich mehr verdienen als die Spieler, die da sind. Die, die den Weg bisher mitgegangen sind, müssen von der sportlichen Entwicklung genauso profitieren können wie mögliche Neuzugänge.