Meine süße, herzliebe Hannelore! Heute Abend bekam ich beruhigende Nachricht durch Deinen Luftbrief 535. Hoffentlich ist Euch weiterhin auch nichts passiert. Um das Schreckliche und Furchtbare der Angriffe auf Hbg hatte ich genug gehört, aber niemand konnte mir von Euch berichten. Dieser Krieg scheint beim radikalen und totalen Zustand angekommen zu sein. Die Front in einer oder zwei Linien gibt es nicht mehr, sie ist jetzt einfach flächenhaft geworden und überall. Unsere Abwehr ist solchen Angriffen nicht gewachsen. (...) Man wird jetzt nicht seines Lebens froh! Aber wir wollen nicht verzagen, sondern uns ganz fest umschließen und durch unsere herzliche Liebe stark bleiben.

Abgesendet am 3. August 1943 an der Ostfront, trifft der Brief elf Tage später in Neuengamme am Stadtrand von Hamburg ein. Heinrich, eigentlich Volksschullehrer, hat ihn während einer Nachtwache mit blauer Tinte auf schlichtem, liniertem Papier an seine Frau Hannelore geschrieben. Drei Jahre zuvor, 1940, hatte das Paar geheiratet. Heinrich trug damals die Uniform des Heeres, wenig später zog er in den Krieg. Fünf lange Jahre sahen sich die Eheleute kaum. Aber sie schrieben einander fast jeden zweiten Tag. 1618 Briefe insgesamt. Bald sollen diese im Internet veröffentlicht werden, sogar Filmemacher interessieren sich für die Geschichte von Heinrich und Hannelore.

Was macht den Briefwechsel eines jungen Ehepaares aus Hamburgs Südosten so bedeutend?

Christian Römmer ist Leiter des Kultur- und Geschichtskontors Bergedorf. Vor einem Jahr bekam er die Briefe von der Enkelin des Ehepaars, sie hatte diese auf dem Dachboden im Haus ihrer verstorbenen Großeltern gefunden, verpackt in zwei Umzugskartons, sortiert in Stapeln, jeweils 100 Stück, mit Kordel zusammengebunden. Als Römmer beginnt, die Briefe zu lesen, ist ihm gleich klar, welches Potenzial darin steckt. Es sind eindrucksvolle Schilderungen des Kriegsalltags, anrührende Zeilen über die Sorgen, Sehnsüchte und Nöte eines Ehepaars. Ihm wird klar, dass die Briefe mehr erzählen als viele Sachbücher.

Hbg.-Neuengamme, d. 9.9.43

Mein einzig lieber, süßer Heinrich!

(...) Heute hält uns die ital. Kapitulation ganz gefangen. Geahnt hatte man es ja schon, aber trotzdem. Wie die Sache nun wohl weitergeht? (...) Meinst Du, daß wir hierdurch dem Kriegsende nähergekommen sind? Aber wie soll es nur nach dem Kriege werden, falls wir ihn nicht gewinnen? Aber kapitulieren tut unsere Regierung nicht. (...) Wenn Du doch bald ganz hier sein würdest. Und nun, gute Nacht mein Schatz. Einen lieben Kuß zum Geburtstag! Abends nimm mich mit in Deine "Federn". Herzliche Grüße Deine Hannelore

Mit jedem Brief lernt Römmer die Autoren besser kennen. Hannelore klagt oft über den schwierigen Kriegsalltag: Alles ist rationiert. Heinrich versucht ihr Mut zu machen, gibt Ratschläge. Über die Kämpfe an der Front schreibt er fast nie, auch nicht, wo er genau eingesetzt wird. Er zieht als Gefreiter in "das große Völkerringen", wie er den Krieg im Duktus des Regimes nennt. Im Oktober 1943 befördert ihn die Armee zum Unteroffizier. Seine Familie sieht er nur sehr selten. Immer wieder beschwert Hannelore sich, dass Bekannte auf Fronturlaub nach Hause kommen, ihr Mann aber im Osten bleiben muss. Er versucht sie zu trösten, schickt Geschenke, selbst gepflückte Blumen. Sie backt für ihn und schreibt Gedichte für ihn ab.

Hannelore formuliert erstaunlich offen, obwohl Zensoren die Feldpost gegenlesen und die Ehefrauen nach dem Willen des Regimes die Soldaten aufmuntern und nicht mit Problemen belasten sollen. 1941 notiert sie:

In der letzten Nacht habe ich aber auch wirklich zu wenig Schlaf bekommen, diese Engländer waren wieder hier. Von 1 – 4 Uhr haben sie ununterbrochen über uns gekreist. In Hbg. soll ja allerhand kaputt sein. Zwei große Brände konnten wir von uns aus beobachten. Der Himmel war blutrot. (...) Wenn der Wehrmachtsbericht schon lautet: einige industrielle Schäden u. die Zahl der Toten und Verletzten ist beträchtlich, so will das schon etwas heißen.

Die Eheleute sorgen sich umeinander. Sie fürchtet, dass er sterben könnte. "Ich möchte Dich nicht wieder losfahren lassen in diesen grausamen Kampf", schreibt sie. Und: "Bleib Du uns erhalten, mein Liebster!" Der Tod im fernen Russland ist daheim allgegenwärtig. "Du kennst doch Adolf Kahl aus Neuengamme, nicht?", schreibt sie. "Seine Frau hat die letzte Nachricht von ihm vom 14. 12. Sie ruft mich nun immer an u. fragt, ob ich schon wieder Post habe, sie hat immer noch nichts wieder bekommen. Es ist furchtbar."