Am Ende hat alles nichts geholfen: Das neue ungarische Hochschulgesetz ist unterschrieben und die Zukunft der Central European University (CEU) in Budapest ungewiss, jener Hochschule, an der ich seit mehr als einem Jahrzehnt unterrichte. Wissenschaftler und Nobelpreisträger aus aller Welt hatten gegen das Gesetz protestiert, das US-Außenministerium und EU-Kommissionspräsident Juncker das Vorgehen kritisiert, und in Budapest gingen Zehntausende Menschen mehrmals auf die Straße – zuletzt am Ostersamstag. Alles umsonst?

Das neue Gesetz sieht unter anderem vor, dass nur jene Universitäten in Ungarn eine Zulassung erhalten, deren Träger auch im Herkunftsland eine Universität betreibt. Die Paragrafen sind somit klar gegen die CEU gerichtet, der nun in Ungarn die Schließung droht. Ob allerdings das Angebot der österreichischen Bundesregierung, die Universität könne sich nach Wien zurückziehen, tatsächlich angenommen wird, steht vorerst in den Sternen.

Es waren liberale Dissidenten in der Schlussphase der kommunistischen Herrschaft in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, die das Ziel verfolgten, eine Universität in der Mitte Europas zu gründen. Sie sollte offen für alle sein, vor allem für die ambitionierten jungen Menschen der Staaten, die gerade das kommunistische Einparteiensystem abgeschüttelt hatten. Diese Jugend sollte die Möglichkeit erhalten, Wissenschaft und Forschung auf jenem Niveau zu erlernen, das weltweit als Standard gilt: in Harvard und Oxford, in Paris und Uppsala.

Es gelang, den aus Budapest stammenden Investmentmanager und Philantropen George Soros von dieser Idee zu überzeugen. Soros, der etwa zur gleichen Zeit überall in Mittel- und Osteuropa Demokratieinitiativen durch die Gründung seiner Open-Society-Institute förderte, sicherte durch eine Stiftung die Finanzierung der Universität.

Im Jahr 1991 nahm die CEU ihren Betrieb auf – zunächst noch in Prag, Warschau und Budapest. Nach wenigen Jahren wurden alle Studienangebote in Ungarn konzentriert, und die Universität akkreditierte sich zusätzlich im Staat New York. So konnte sichergestellt werden, dass die Studienabschlüsse weltweit anerkannt werden.

Die CEU, mit mehr als eineinhalbtausend Studierenden, hat ihren Schwerpunkt in den Geistes- und in den Sozialwissenschaften. Im Sinne ihrer Gründungsphilosophie zog sie Studierende aus vormals kommunistischen Staaten an – aber ebenso aus Westeuropa, Asien, Afrika, Amerika. Von Anfang an war die intellektuelle Atmosphäre multikulturell und kosmopolitisch. Studierende aus der Ukraine treffen auf solche aus Mexiko, und Studierende aus Georgien können sich mit Studierenden aus Kirgisistan oder Litauen unterhalten und unterschiedliche Erfahrungen mit der sowjetischen Vergangenheit austauschen. Afrikanische und französische Studierende diskutieren, wie sich das Konzept universeller Menschenrechte mit gewaltbereiten antikolonialen Befreiungsbewegungen verträgt – und schreiben darüber in ihren Master- und Doktorarbeiten.

Eine solche Internationalität setzt voraus, dass die CEU sich nicht als mehr-, sondern als englischsprachig definieren muss – nur so können Lehrveranstaltungen für chinesische Studentinnen wie auch für spanische Studenten organisiert werden. Der Lehrkörper ist ebenfalls multinational. Die ersten Rektoren kamen aus den USA, aus der Tschechischen Republik, aus Israel oder, wie der derzeitige Rektor Michael Ignatieff, aus Kanada.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist die CEU ein kosmopolitisches Biotop in einem Land, das sich zunehmend national verschließt. Liberale Demokratie wird in Ungarn immer mehr zu einem negativ besetzten Begriff. Da war es unvermeidlich, dass die Regierung von Viktor Orbán und seiner Partei der Jungdemokraten (Fidesz) Anstoß nahm an einer akademischen Bildungsstätte, die sich nicht durch die Zuwendung oder Verweigerung staatlicher Mittel beeinflussen lässt. Denn die CEU ist finanziell unabhängig – finanziert durch die Soros-Foundation und durch Studiengebühren, die so gestaltet sind, dass niemand aus finanziellen Gründen ausgeschlossen bleibt. Dafür sorgen Stipendien ebenso wie andere Programme wie etwa ein speziell für Roma eingerichteter Unterstützungsfond.

Die CEU ist zu dem geworden, was man eine intellektuelle salad bowl nennen kann – eine Stätte intellektueller und nationaler Vielfalt, ein Ort wissenschaftlicher Diskurse, die in einer einvernehmlichen Weise ausgetragen, aber nicht zu einem dogmatischen Einheitsbrei vermengt werden. Und die CEU ist dabei sehr erfolgreich: Die verschiedenen Studienprogramme erfahren immer wieder hohe internationale Anerkennung, die sich in Spitzenpositionen im akademischen Ranking niederschlägt. Absolventen der CEU haben erfolgreiche Karrieren gestartet – im weltweiten Wissenschafts- oder auch Wirtschaftsbetrieb, in der nationalen Politik, in der internationalen Diplomatie. Der Erfolg gibt den Gründern recht – den liberalen Intellektuellen Mitteleuropas.