Autos, Frauen, Goldketten? Kein Interesse. Drogen, Gewalt, Kriminalität? Kommen vor, sind aber eher Anlass zur Selbstkritik als zur Protzerei. Minus x Minus = Plus, das neue Album des Hamburger Rappers Disarstar, erzählt von Zweifeln, von Ohnmacht, vom Suchen und Finden von Trost.

Würde es nicht wie eine Beschimpfung klingen, müsste man Disarstar den Liedermacher unter den Straßenrappern nennen. Sein wichtigstes Anliegen: aufrichtig von sich selbst zu erzählen. "Das echte Leben war nie Rap-Battle", heißt es in Death Metal.

Was ist es dann, das "echte Leben"? Ein ziemliches Trauerspiel: Chancengleichheit ist eine Lüge (Glücksrad), Shopping macht falsche Versprechen (Konsum), und Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen (Für Dich).

Während die Frühlingssonne in der Glasfassade der Elbphilharmonie glänzt, will Disarstar nichts wissen von der "schönsten Stadt der Welt". Lokalpatriotismus klingt bei ihm so: "Ich bin ’n Hamburger Jung, das ist Mucke, die zum Wetter passt." Die Stimmung: verhangen. Die Aussichten: eher düster.

Hoffnungslos sind die Texte von Disarstar jedoch nicht. Glaubt man dem Rapper, dann hilft es, dem Zorn durch Kunst eine Richtung zu geben (Beat, Stift und Blatt). Und mehr noch, aus zwei schlechten Erfahrungen eine gute zu machen, indem man sie teilt – eben Minus x Minus = Plus.

OSKAR PIEGSA

Lass uns drüber schweben

Die Band Fotos spricht in Rätseln – zum Glück

Warum nennt sich eine Band eigentlich Fotos? 2006, als das erste Album der Hamburger erschien, war sicher Retro-Koketterie im Spiel. Heute, Millionen Instagram-Bilder später, klingt der Name nach Kulturkritik.

Einlassungen zur medialen Gegenwart gibt es trotzdem nicht auf der neuen Platte. Anders als bei Bilderbuch, die fehlende Ladekabel besingen, geht es bei Fotos ums große Ganze, wobei nie ganz klar wird, was dieses große Ganze eigentlich ist. Die Zivilisation? Die Anthropologie?

"Ein dunkler Stern am Himmel kennt die Geschichte, die uns allen blüht", raunt Bandleader Tom Hessler in Melodie des Todes, und ob das jetzt eine Star-Wars-Anspielung sein soll oder eine religiöse Metapher, darf einen nicht kümmern. Die Zeile klingt einfach schön unheimlich.

"Die Sonne brennt mir ein Loch ins Gesicht / ich flieg mit den Vögeln ins Licht / Ich tanz mit den Tiern / ohne Zeit zu verliern" – auch da ist alles drin: Ikarus, Dschungelbuch, Peter Wohlleben. Alles offen ist eben ein toller Frühlingssong für die Cabriofahrt zu Hagenbeck.

Im Lied Sterne zu Staub heißt es: "Blinken die Pulsare / nie wieder singen die Stare." Neutronensterne, Sperlingsvögel, wie passt das zusammen? Vermutlich gar nicht, macht aber nichts. Lässig schlendert der Beat, dazu gibt es gesüßte Synthiestreicher – das Stück und die ganze Platte sind einfach zu gut für Erbsenzählerhermeneutik.

DANIEL HAAS