Am 25. März ist mein Lehrer, der Hamburger Strafverteidiger Hajo Wandschneider, mit 91 Jahren gestorben. 1969 schrieb Gerhard Mauz im Spiegel über ihn, ihm seien "jene Manieren eines Weltmannes eigen, die sich nicht lernen lassen. [...] Für seine druckreife Rede steht ihm ein Wortschatz zur Verfügung, der den Juristen befriedigt und dennoch den Laien erreicht. Seine Stimmlage ist ein Ton, der Absicht auch dann nicht verrät, wenn Absicht am Werk ist. Und obendrein sieht er hervorragend aus."

Hajo Wandschneider sah nicht nur aus wie ein Gentleman von Welt, sein Engagement war tatsächlich international. Als Gründungsmitglied der deutschen Sektion von Amnesty International war er 1964 nach Teheran gereist. Dort setzte er sich für Studenten ein, die an einem Anschlag auf den iranischen Diktator Reza Pahlevi beteiligt gewesen sein sollten und im Gefängnis schwer misshandelt worden waren. Sein Bericht trug dazu bei, den Herrscher auf dem Pfauenthron und das von ihm errichtete Terrorregime nachhaltig zu entzaubern. Er zwang das Militärgericht sogar, einen Prozessbeobachter der Organisation zur Verhandlung zuzulassen.

Zwei Jahre zuvor hatte er das Mandat des Hamburger Journalisten Conrad Ahlers übernommen. Dessen Geschichte Bedingt abwehrbereit war der Auslöser der Spiegel- Affäre gewesen und hatte zu einem Haftbefehl gegen den Autor, den Herausgeber, weitere Redakteure und zwei mutmaßliche Gewährspersonen des Nachrichtenmagazins wegen des Verdachts des Landesverrats geführt. Nach 81 Tagen wurde der, wie die Bundesregierung danach einräumen musste, "etwas außerhalb der Legalität" festgenommene Ahlers aus dem Gefängnis entlassen. Weil die angeblichen Staatsgeheimnisse entweder schon bekannt waren oder die Angeschuldigten dies annehmen konnten, lehnte der Bundesgerichtshof 1965 die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Ein großer Sieg für die Pressefreiheit – und für Hajo Wandschneider.

Wandschneiders Stärke war die Verteidigung des Angeklagten im Gerichtssaal. Er hatte einen sicheren Instinkt und ein Arbeitsprinzip: "Nicht zu viel machen." Das war das Erste, was er mir beigebracht hat. Er meinte damit: nicht im Mittelpunkt stehen, nicht in den Kampf ziehen gegen Staatsanwälte, Vorsitzende der Strafkammern oder gegen Sachverständige, deren Gutachten für den eigenen Mandanten ungünstig auszufallen droht. Sondern immer für eine Sache streiten.

Wandschneider ging es um das Resultat, nicht darum, jemanden zu besiegen oder gar vor der Öffentlichkeit bloßzustellen. Nicht zufällig wurden seine Mandanten häufig auch auf Antrag der Staatsanwaltschaft freigesprochen oder für Außenstehende überraschend milde bestraft. Sich von Mandanten die Verteidigungslinie vorschreiben zu lassen kam für Wandschneider nicht infrage. Er behandelte jeden gleich und wählte nicht aus nach ideologischen Kriterien. Nur so konnte es kommen, dass er sowohl ein früheres, über Jahre in der DDR untergetauchtes Mitglied der RAF als auch die einzige überlebende Entführerin der Lufthansa-Maschine Landshut vor Gericht verteidigte. Beide konnten sich über die Urteile des Oberlandesgerichts Stuttgart nicht beklagen.

Wandschneiders Sozius bin ich nie geworden. Aber seine maßgeschneiderte Robe hat er mir vor einigen Jahren vermacht. Ihm passte sie, mir nicht ganz.