Selbst Feiertage können gar nicht so beschaulich sein, dass die Gerüchte verstummen würden. Sie werden nur etwas leiser – und bald schon wird wieder mit brüllender Gewissheit hinauszuposaunt, was beschlossene Sache sein soll: Die österreichischen Bürger werden vor der Zeit zur Urne gerufen. Seit Monaten glüht das Land im Neuwahlfieber, und gegen diesen politischen Virus scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Überall häufen sich die Hinweise. Weder Landeshauptleute noch Minister, weder Abgeordnete in Wien und Straßburg noch Parteimanager, nicht einmal das Staatsoberhaupt sind gefeit davor, von einer düsteren Ahnung angesteckt zu werden. So rasch wie derzeit in Großbritannien wird es zwar nicht zur Sache gehen, aber für den Herbst ist man guter Hoffnung.

Der Zeichen und Signale gibt es viele. Es genügt schon, wenn der Bundeskanzler, wie in der Vorwoche geschehen, über den Wiener Naschmarkt schlendert und öffentlichkeitswirksam Delikatessen verkostet. Es hilft wenig, dass Christian Kern seine Charmetour "meinen Wien-Tag" nennt und vorsorglich hinzufügt: "Nein, das ist kein Wahlkampftermin." Der Auftritt, behaupten hingegen die Auguren des Koalitionspartners, sei ein untrügliches Indiz dafür, dass die Sozialdemokraten längst in den Wahlkampfmodus umgeschaltet hätten. Überhaupt sei die Art und Weise, mit der Kern durch das Land tourt, um den Leuten seinen "Plan A" näherzubringen, bereits die heiße Phase eines Vorwahlkampfes, den nicht führen zu wollen jedermann vorgibt. Der Regierungschef ist gut beraten, jedes Mal, wenn er sich in der Öffentlichkeit sehen lässt, sofort ungefragt zu beteuern, dass es sich hierbei keinesfalls um eine Wahlkundgebung handle. Die bösen Geister des Koalitionspartners werden das natürlich nicht wahrhaben wollen und es lautstark bezweifeln. Vorsorglich hätten sie, heißt es, bereits für die milden Frühlingswochen eine Art Zwischenkampagne vorbereitet.

Gleichzeitig wittern aber auch die Genossen hinter fast jeder Aktion ihres Regierungspartners eine Finte, welche die Koalition platzen lassen soll. Da orakelte etwa der rote Bundesgeschäftsführer, Außenminister Sebastian Kurz, die schwarze Wunderwaffe im Kampf ums Kanzleramt, habe fest einen Wahltermin im September oder Oktober 2017 im Visier. Gutgläubige Boulevardjournalisten wurden sogar mit der vertraulichen Information gefüttert, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner habe bereits vor geraumer Zeit seinem Partner angeboten, gemeinsam Neuwahlen für einen Herbsttermin zu beschließen; Kanzler Kern habe allerdings vorerst abgelehnt. Da sei die Tinte auf dem Unterschriftenblatt des neu ausgehandelten Arbeitsabkommens noch nicht trocken gewesen, mit dem erst im Jänner als unausweichlich geltende Neuwahlen abgewendet worden waren.

Der faule Kompromiss ist eingeübte Praxis in der Koalition

Die große Unbekannte aller Neuwahl-Spekulationen ist der Vorwand, der die demokratische Entscheidungsschlacht auslösen soll, die, vertraut man der vorherrschenden Rhetorik, zweifellos zwischen den Kräften des Lichtes und der Finsternis geführt werden wird. Als sich die Koalition Ende Jänner auf ihr aktualisiertes Programm einigte, legte sie in weiser Voraussicht für jeden der einzelnen Punkte einen genauen Fahrplan fest, dessen Einhaltung in den nächsten 18 Monaten eigentlich einen heftigen Koalitionsstreit verhindern soll. Es dürfte daher den Wählern nur schwer zu vermitteln sein, dass sich urplötzlich ein derart unüberwindlicher Meinungsgegensatz aufgetan habe, der nur durch einen sofortigen Wahlgang überwunden werden könne.

In einer Koalition, in welcher der faule Kompromiss eine seit Langem gut eingeübte Praxis ist, lässt sich ein Prinzipienstreit nur schwer vorstellen. In den zentralen, populistisch aufgeladenen Themen haben die Regierungspartner ohnehin zu Gleichklang gefunden. Hier herrscht einzig darin Konkurrenz, wer rascher und griffiger ausspricht, wo überall Österreich zuerst kommen müsse.

Aus sozialdemokratischer Sicht ist der Schuldige jedoch bereits ausgemacht. Innenminister Wolfgang Sobotka, der mit Hingabe und Talent die Rolle des Regierungs-Mephisto ausfüllt, habe es sich zur Aufgabe gemacht, mit unhaltbaren Forderungen nach harten Zucht-und-Ordnung-Paragrafen die Koalition in ihr Verderben zu stürzen. Einziger Wermutstropfen der roten Theorie: Bislang musste der bullige Niederösterreicher trotz großer Worte immer klein beigeben, wenn ihn ein Ordnungsruf seines Parteichefs ereilte. Der hat nämlich nicht das geringste Interesse daran, demnächst einen Wahlkampf führen zu müssen, in dem ihm mit einiger Sicherheit keine Hauptrolle mehr zugedacht sein wird.

Österreich - "Wir brauchen diese Wahl nicht" Der längste Wahlkampf in der Geschichte Österreichs geht zu Ende. Wie beurteilen Wiener Bürger die Stimmung im Land? © Foto: ZEIT ONLINE