Stockholm am 16. April 1917. Dreißig russische Revolutionäre seien vor drei Tagen eingetroffen, meldete Maximilian Graf Hadik von Futak an das Wiener Außenministerium. An der Spitze: Lenin. Auf seiner Zugfahrt aus dem Schweizer Exil durch das Deutsche Reich über Skandinavien nach Petrograd machte der Revolutionsführer in Stockholm Station. Er kaufte sich neue Schuhe und Hosen. Schließlich verkündete er die Absicht, in der schwedischen Hauptstadt eine internationale sozialdemokratische Konferenz zusammenzurufen. Graf Hadik, Österreichs Vertreter in Schweden, war wenig angetan von dem Umstürzler. Dieser habe gleich mehrere Fehler begangen, analysierte der Diplomat. Er habe zu scharf Richtung England gedonnert, zu freundlich über Deutschland gesprochen und in Schweden nur "Fühlung mit der äußersten Linken der Sozialdemokratie genommen". Man müsse sich "trotz der Zuversicht Herrn Lenins (...) seinem Unternehmen gegenüber recht skeptisch verhalten".

In Russland waren Unruhen ausgebrochen und Europa, schon seit drei Jahren im Kriegszustand, war alarmiert. Der Zar hatte abgedankt, keiner wusste, wie es weitergehen würde. In Österreich wurde das Revolutionsjahr 1917 unterschiedlich aufgenommen. Viele hofften auf Frieden im Osten, andere auf die Weltrevolution – und manche wie Karl Renner vermuteten in dem Umbruch zuerst bloß eine "kindsköpfige Illusion".

Die Historikerin Verena Moritz hat für ihr Buch 1917 – Österreichische Stimmen zur Russischen Revolution großteils unpublizierte Dokumente zusammengetragen: diplomatische Berichte von österreichischen Gesandten, abenteuerliche Aufzeichnungen von Kriegsgefangenen und geheime Telegramme des Kriegsministeriums. Entstanden ist daraus keine klassische Quellenedition, sondern die gut lesbare Geschichte einer Monarchie, die in den letzten Zügen lag und gebannt auf die Ereignisse im Osten blickte.

Zeigte sich die Habsburger-Diplomatie zu Beginn noch gelassen, erkannte man rasch das Ausmaß der Umwälzungen. Bald wurden Berichte verschickt, die vor der Gefahr einer sozialistischen Revolution auch in Österreich-Ungarn warnten. Die oft dominierende Unkenntnis wurde mit einer guten Portion Besserwisserei kaschiert. "Sich ein klares Bild zu machen erscheint dermalen kaum möglich", schrieb Prinz Hohenlohe, einer der wichtigsten Wiener Diplomaten in der letzten Phase der Monarchie, am 15. März 1917 aus Berlin. Gelassen berichtete er, "diesen Ereignissen vorerst keine allzu große Bedeutung beilegen" zu wollen.

Auch aus Graf Hadiks Sicht waren die Unruhen zwar von "ernster Natur, jedoch einstweilen keineswegs von der Art, daß die Regierung ihrer nicht Herr werden könnte." Kein kleiner Irrtum, dem das großteils aristokratische Diplomatencorps aufsaß.

Bald drangen erste Warnsignale nach Wien: "Revolution von unten scheint doch ernster gewesen zu sein, als man ursprünglich annehmen konnte", meldete Baron Musulin am 17. März. Er vertrat die Monarchie in Bern und verfügte über gute Kanäle nach Petrograd. Dort war unter anderem der Justizpalast beschossen worden, "die Revolution sei wohl vorbereitet und alle Rollen gut verteilt", schrieb Musulin.

"Zu oft ist schon von der bevorstehenden Revolution gesprochen worden"

In den folgenden Wochen wechselten sich mehr oder weniger detaillierte Analysen und Einschätzungen der Geschehnisse mit persönlichen Anmerkungen und Alltagsbeobachtungen ab.

Otto Freiherr von Hoenning, k. u. k. Vertreter im polnischen Lublin, schickte ein geheimes Schreiben an Außenminister Czernin. Der abgetretene Zar sei ein Schwächling, heißt es darin, "dessen ganze Regierungszeit durch alle Gebrechen – und oft häßliche Gebrechen – eines schwachen Charakters gekennzeichnet war, der seinem Gegenüber niemals ›nein‹ sagen konnte, in der Folge aber kein Mittel verschmähte, um die gegebene Zusage, wenn sie unbequem war, rückgängig zu machen".

Aus Moskau wurde gemeldet: "Die Trunksucht nehme wieder sehr ueberhand, dabei herrsche ein derartiger Mangel an Getraenken, dass denaturierter Spiritus selbst bei den Offizieren als erste Marke wie sonst ein guter Cognak gelte." Auf den Straßen seien bewaffnete junge Leute anzutreffen, "ihre Hauptbeschäftigung scheint das Abhalten von Versammlungen und die Teilnahme an lärmenden Demonstrationen zu sein."

Über die Oktoberrevolution und die Machtergreifung Lenins erfährt man in den Berichten wenig. Auch ideologische Debatten rücken in den Hintergrund – die wurden in Österreich primär über Zeitungen ausgetragen, allen voran zwischen der kaisertreuen Reichspost und der Arbeiter-Zeitung. In dem sozialdemokratischen Parteiblatt schrieb Otto Bauer nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im September 1917: "Man wird hier nicht verweigern können, was drüben ist." Den Diplomaten ging es indes um die Analyse, die künftigen Beziehungen zur Sowjetmacht und um die Ziele der neuen Führung.