Dass im Zeitalter der cinematografischen Ich-AG, in dem Ein-Personen-Teams kinoreife Produktionen abliefern, der Dokumentarfilm boomt, ist kein Wunder. Die Frage ist nur: Wo debattieren wir darüber, was eine Dokumentation ist, wie viel Spektakel und wie viel Zurückhaltung sie braucht? Und: Wer stellt überhaupt solche Fragen?

Peter Nestler, 80, hat sie in seinen Filmen gestellt, ihm widmet die Hamburger Dokumentarfilmwoche ihre diesjährige Retrospektive.

Peter who? Obwohl ihn der französische Regisseur Jean-Marie Straub den "wichtigsten Filmemacher in Deutschland nach dem Krieg" genannt hat, obwohl ihm die Tate Gallery vor fünf Jahren eine Retrospektive widmete, blieb Nestler der große Unbekannte des deutschen Dokumentarfilms. In den sechziger und siebziger Jahren, als er seine wichtigen Filme drehte, musste er sich mit Fernsehredakteuren herumschlagen, die ihm einreden wollten, er müsse dem Publikum die Themen schmackhafter machen. Doch das wollte er nicht – und genau das macht seine Filme heute so sehenswert.

Zum Beispiel Ödenwaldstetten, ein 1972 gedrehtes Porträt des gleichnamigen schwäbischen Dorfes, entstanden im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks. Statt mit Wochenschau- Stimme die Vorzüge des Landlebens zu preisen, nimmt uns Nestler mit in die schwäbische Dritte Welt und lässt die Dorfbewohner selbst zu Wort kommen. "Unsereiner ist zum Schaffen da", grummeln die Bauern mit schwerer Zunge.

Der Aussiedler, der als Existenzgründer deutsche Äcker umpflügt; gebeugte Gestalten, die mit Bollerwagen Milchkannen durch schmutzige Gassen ziehen, Viehhalter, die beklagen, dass mit dem Mord an den Juden auch die jüdischen Viehhändler verschwunden sind: Ödenwaldstetten ist ein Albtraum für jeden Landlust-Leser. Als der Film abgenommen werden sollte, verlangte der Intendant, Nestler solle einen einordnenden Kommentar über die Bilder legen, man könne die Leute nicht einfach so reden lassen. Der Filmemacher blieb stur.

Genau wie beim Film Aufsätze über Schüler einer Volksschule im Berner Oberland. Als Nestler ihn fertig gedreht hatte, erklärten ihm die Verleiher, man müsse die Texte in ordentlichem Hochdeutsch mit geschulten Kinderstimmen nachsprechen.

Weil die Handkameras der Sechziger noch nicht für bildsynchronen Ton verfügbar waren, gehen Bilder und Tonspur bei Peter Nestler getrennte Wege – typisch für den Dokumentarfilm jener Zeit. Doch er macht daraus eine eigene Filmsprache; es wirkt, als hätte jemand Brechts Idee des epischen Theaters ins Kino bringen wollen. Die Tonspur, gerne aus Interviews mit den Protagonisten zusammengestellt, sorgt dafür, dass die Bilder nicht blenden und lügen.

"Essayistisches Kino" nannte man diese Art des Filmemachens einst. Auch wenn das nicht nach Popcorn klingt, sondern nach Entsagung und Konzentration: Es ist aktueller denn je. Der Filmemacher wird bei allen Filmvorführungen anwesend sein.

14. dokumentarfilmwoche: vom 19.–23. April in Metropolis, B-Movie, Lichtmess und Gängeviertel. Programm unter dokfilmwoche.com