Bisher wollten Modehändler, dass ihre Kunden die Läden mit einer vollen Tüte verlassen. Jetzt hoffen einige, dass die Besucher schon mit vollen Tüten hineinkommen – und Altkleider mitbringen. Mammut, The North Face, C&A, Hunkemöller, Adler, Reno, Levi’s, Globetrotter, H&M und viele andere haben Sammelboxen in ihre Filialen gestellt. Der Inhalt wird gespendet, weiterverkauft oder recycelt. "Die Marken gehen damit sogar in die Werbung", sagt Jörg Lacher vom Fachverband Textilrecycling in Bonn.

Ökonomischer und ökologischer Druck ist dafür verantwortlich. Modezyklen ändern sich so schnell, dass auch voll funktionsfähige Kleidung ständig ersetzt wird. Der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge wurden 2014 weltweit mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke neu produziert, fast doppelt so viele wie im Jahr 2000. Also wächst auch der Altkleiderberg: allein in Deutschland in den vergangenen Jahren um ein Drittel. Mehr als eine Million Tonnen abgelegte Hosen, T-Shirts und Pullover landeten 2016 hierzulande in den Containern.

Der schwedische Modekonzern H&M gilt als einer der Vorreiter im Altkleiderrecycling. Die verantwortliche Managerin Cecilia Brännsten ist an diesem Tag von Stockholm nach Bitterfeld-Wolfen gereist, wo Arbeiter in roten Latzhosen die Kleidung sortieren, die europäische Fashion-Victims nicht mehr tragen wollen. Sie ordnen sie nach Farben und Stoffqualität und danach, ob es sich um Jogginghosen, Jeans, Spitzenkleider, T-Shirts oder Schuhe handelt. Das Tagesziel pro Arbeiter liegt bei jeweils gut 2800 Kilogramm.

Die Hallen gehören dem Unternehmen Soex, mit dem H&M seit 2013 zusammenarbeitet. Dessen Tochterfirma I:Collect holt die in den H&M-Filialen abgegebenen Tüten voller Altkleider in den Distributionszentren der Schweden ab, sortiert den Inhalt und verkauft ihn weiter. H&M bekommt einen Kilopreis von I:Collect, jeweils zwei Cent spendet der Konzern an gemeinnützige Organisationen, der Rest fließt in die Forschung.

Im vergangenen Jahr hat H&M weltweit rund 16.000 Tonnen gesammelt, im Jahr 2020 sollen es 25.000 Tonnen sein. Das Werk in Bitterfeld-Wolfen hat außer H&M aber noch viele andere Kunden. 25 bis 30 Lastwagen bringen täglich bis zu 400 Tonnen Stoff. Neben Altkleidern ist auch unverkaufte Ware dabei, die für die nächste Kollektion Platz machen muss. "Was hier ankommt, ist kein Müll", sagt Brännsten. "Es sind wertvolle Rohstoffe."

Über die Hälfte dessen, was in Bitterfeld-Wolfen landet, ist gut erhalten. Nach dem Sortieren schnüren es Arbeiter zu riesigen Würfeln zusammen, sodass es direkt weiterverkauft werden kann. Der Großteil geht nach Afrika, der Rest nach Osteuropa, Asien, Amerika oder an Secondhandshops in Westeuropa. Bunte Farben für Afrika, wärmende Textilien für Osteuropa.

Der Rest wird zu Putzlumpen zerschnitten oder von großen Walzen mit Reißnadeln zerfasert, durch lange Rohrsysteme geblasen, um immer weiter und immer kleiner geschreddert zu werden. Übrig bleibt Faserkonfetti, das zu Dämmmaterial verarbeitet wird, größtenteils für die Automobilindustrie.

Nur eines passiert hier nicht: dass aus alten Kleidern Fasern für neue Stoffe entstehen. Zwar verwendet H&M durchaus recycelte Fasern von I:Collect für neue Kleidung, aber die stammen nicht von hier. "Die Fasern kommen aus Indien", sagt Brännsten. Das sei sinnvoller, weil sie dort gleich weiterverarbeitet werden können. Die daraus entstandenen Kleidungsstücke kennzeichnet das Unternehmen mit grünen Schildern. Sie machen bisher aber nur ein Prozent des Sortiments aus. Kleidungsstücke aus recycelter Baumwolle bestehen zu maximal 30 Prozent aus recycelten und zu 70 Prozent aus neuen Fasern. "Mehr ist aktuell technisch noch nicht drin", sagt Brännsten, "sonst würde die Qualität leiden."

Neuware ist oft die günstigere Alternative

Die Qualität sei auch so schon "Mist", sagt Kai Nebel, Spezialist für Textile Verfahrenstechnik an der Hochschule Reutlingen. Stoffe mit wiederverwerteten Fasern seien von schlechterer Qualität und außerdem zwei- bis dreimal so teuer wie die aus neuen Fasern. "Außerdem wird beim Recycling durch den logistischen Aufwand extrem viel Energie verbraucht", sagt er. Das belaste die Umwelt mehr, als es ihr nütze. Trotz lobenswerter Initiativen stehen Anbieter wie H&M tatsächlich eher für die Ursache des Problems als für dessen Lösung: schnelle Mode für wenig Geld. Man wolle Mode allen zugänglich machen, und das zum besten Preis, sagt Managerin Brännsten dazu. "Wir verstehen dabei Transparenz als Schlüsselelement unseres Unternehmens. Transparent zu sein wird immer heißen, dass wir kritisiert werden. Damit können wir leben."

Auch anderer Müll wird in der Textilindustrie mittlerweile zu Stoffen verarbeitet. Es gibt Fasern aus Orangenschalen und Leder-Imitat aus Abfällen der Ananas-Ernte. Bislang sind solche Produkte aber eine absolute Nische und sehr teuer. Deutlich besser läuft die Verarbeitung von altem Plastik. Recycelter Kunststoff steckt mittlerweile sogar in Unterhosen. Wiederverwertete Polyesterfasern seien problemlos zu bekommen und "nicht teurer als herkömmliche Polyesterfasern", sagt Alex Vogt, Unternehmensberater und Autor eines Buches über die Zukunft der Modebranche. Längst gebe es Strumpfhosen aus alten Fischernetzen und Jacken aus Plastik, das an Stränden aufgesammelt wurde. Adidas stellte im vergangenen November Trikots für die Spieler des FC Bayern München vor, die aus recyceltem Kunststoff hergestellt waren. Seit 2015 nimmt Adidas an einem Projekt der EU teil, um das Thema Recycling voranzutreiben. Mehr als zehn Millionen Euro Fördergeld fließt in die Wrap genannte Initiative.

Enthält ein Kleidungsstück aber erst einmal Chemiefasern, kann es nicht mehr so einfach wiederverwertet werden. Meist fehlt auf dem Etikett eine klare Kennzeichnung über die genaue Zusammensetzung der Fasern – oder der Konsument hat das Etikett komplett herausgetrennt. Dabei erfordern unterschiedliche Kunststoffe auch unterschiedliche Recyclingverfahren.

"Das erhöhte Interesse der Marken bringt insgesamt mehr Geld in die Forschung", sagt Textilwissenschaftler Nebel. Dennoch sei das Engagement der Industrie scheinheilig, "letztendlich geht es allen nur darum, noch mehr zu verkaufen". Um wirklich Ressourcen zu schonen, gebe es aus seiner Sicht nur eine Lösung: "Man sollte weniger kaufen und Dinge einfach wieder länger und intensiver nutzen, dann ist fast egal, aus was sie gemacht werden", sagt er.

Und da ist wirklich noch viel Spielraum. Bei einer Umfrage unter 1000 Konsumenten hat Greenpeace herausgefunden, dass jeder zweite noch nie ein beschädigtes Kleidungsstück repariert hat. Eine Schusterei haben fast 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen noch nie von innen gesehen. Warum auch: Oft ist Neuware die günstigere Alternative.