Wenn es dunkel wird in Steglitz-Zehlendorf, leuchten höchstens noch die Lichter vom Autobahnabzweig 103 herüber, der zum sogenannten Berliner Stadtring gehört, welcher bis heute nicht geschlossen wurde.

Für andere sporadische Lichtpunkte sorgen allenfalls die Einfamilienhäuser und gepflegten Altbauten, deren Bewohner nicht bereits im Bett sind. Ein öffentliches Leben, das in diesem hauptstädtischen Randbezirk auch tagsüber nicht gerade üppig ist, findet dann jedenfalls nicht mehr statt. Aber es gibt eine helle, rege, surrende und summende Insel, die wie ein quirliger Quell urbaner Vitalität in der Vorortwüstenei glitzert – und zwar das Schlosspark Theater.

In dem friedlichen, gutbürgerlichen Südwesten Berlins, einer gehobenen (manche sagen: spießigen) Wohngegend, ist es die einzige größere kulturelle Einrichtung. Es hat als Nebenspielstätte des einst bedeutsamen und mächtigen Schillertheaters in Charlottenburg (das leider 1993 wegrationalisiert und stillgelegt wurde) eine schöne, stattliche Tradition. Und seit Herbst 2009 hat es auch wieder eine blühende Gegenwart.

Die ist der Initiative eines Mannes zu verdanken, dessen Bekanntheit und Beliebtheit darauf beruhen, dass er sich jahrelang im Fernsehen zum Deppen der Nation gemacht hat. Nonstop Nonsens: Dieter Hallervorden war der Didi, der als Gefängnisinsasse mit den Worten "Palim, Palim, ich hätte gerne eine Flasche Pommes frites!" seinen Zellenkollegen austrickste. Der Sketch zählt neben Loriots Die Nudel zu den Klassikern deutschen Humors, und Hallervordens Duett mit Helga Feddersen, Du, die Wanne ist voll aus dem Jahr 1978, scheint ebenfalls unkaputtbar.

Irgendwann beschloss dieser Didi, dass er endlich ein Dieter sein wollte, mit anderen Träumen als von Klamauk und Kommerz: nämlich vom Theater, von ernsten Rollen, von der hohen, zumindest der höheren Kunst. Da war der gebürtige Dessauer und Wahlberliner schon 74 Jahre alt, worum er sich allerdings kaum scherte.

Noch heute, mit über 80 Jahren, sieht man ihn bei Premieren frohgemut durchs Foyer eilen, hier eine Hand schütteln, dort freundlich plaudern. Und man sieht den Patriarchen natürlich regelmäßig in seinem Haus spielen, wo er für ausgebuchte Vorstellungen garantiert. Als Intendant ist es ihm tatsächlich gelungen, das Schlosspark Theater als funktionstüchtige, kreative Bühne zu reanimieren. Wie ein neu definiertes kulturelles Stadtteilzentrum spricht es zum einen das Publikum aus der Umgebung an, zum anderen strahlt es durchaus über die lokalen Grenzen hinaus. Didi macht’s möglich.

An einer Steigerung der Auslastung, die derzeit um die 60 Prozent beträgt, wird stetig gearbeitet. Dem Altersdurchschnitt der Besucher entsprechend werden an nicht wenigen Abenden gewiss mehr Seniorenkarten als Studententickets verkauft. Aber die Leute kommen gern und immer wieder.

Im Schlosspark Theater fand 1953 die deutschsprachige Erstaufführung von Samuel Becketts Warten auf Godot in der Regie von Karl-Heinz Stroux statt. Ganz so hochkulturell geht es bei Hallervorden nun zwar nicht zu, doch bloß die üblichen Ehebruchskomödien aus dem Boulevardrepertoire zeigt er auch nicht.

Im Februar etwa inszenierte Thomas Schendel Lessings Minna von Barnhelm mit dem Bremer Tatort -Kommissar Oliver Mommsen als Major Tellheim, und in Gerhart Hauptmanns Vor Sonnenuntergang spielt Hallervorden als erst schwer verliebter, später lebensmüder Geheimrat Clausen selbst mit. Er nahm Éric-Emmanuel Schmitts Oskar und die Dame in Rosa ins Programm, Der Lügenbaron mit Désirée Nick und eine Adaption von Honig im Kopf, in der er – anders als im Film von Til Schweiger – indes nicht auftrat. Für Aufführungen, Matineen, Lesungen konnte er unter vielen anderen Hannelore Hoger, Elke Heidenreich, Angelika Milster, Ilja Richter, Jürgen Tarrach, Gustav Peter Wöhler oder Axel Hacke gewinnen.

Um Nachwuchs fürs Theater heranzuziehen und die Schwellenängste zu senken, wurde der Jugendclub Yas gegründet, in dem auch Hallervordens Sohn Johannes mitwirkt, der es als frischgebackener Abiturient inzwischen zur männlichen Hauptrolle in Harold und Maude geschafft hat.

Den Sommer über läuft der Betrieb im Schlosspark Theater von Donnerstag bis Sonntag übrigens durch: In diesem Jahr Funny Money, eine Farce von Ray Cooney über die unkalkulierbaren Folgen plötzlichen Reichtums.

An den langen, warmen Abenden kann man die schmucken Foyers mit den farbigen Wänden verlassen und zwischen Büschen und Hecken vielleicht die Schatten von Marianne Hoppe, Hildegard Knef, Klaus Kinski, Bernhard Minetti oder Peter Ustinov erahnen, die hier dereinst spielten. Die kleinen Grünflächen, die das hübsche klassizistische Gebäude umsäumen, das zu einem Schlösschen aus dem frühen 19. Jahrhundert gehört, laden zum Lustwandeln wie auf einem englischen Herrensitz ein. Von fern her hört man je nach Windrichtung die Autobahn, aber nicht im Saal, wo die 473 Besucher genießen, was Regisseure wie Michael Bogdanov oder Philip Tiedemann inszeniert haben. Der Berliner Zonenrand ist dann zumindest an diesem Ort wach und vital, ganz im Sinne Becketts: "Wir fragen immer nur, ob es ein Leben nach dem Tode gebe. Wir sollten fragen: Gibt es ein Leben nach der Geburt?"

Das Sommerstück des Schlosspark Theaters ist Ray Cooneys Komödie "Funny Money"; sie läuft von 17. Juni bis zum 27. August.