Vor dem Landesmuseum am Domplatz zu Münster schwingt sich der 73-jährige Kasper König ganz ortstypisch aufs Fahrrad, um mit uns ein paar historische Stationen der Skulptur Projekte abzufahren, jener einzigartigen Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum, die nur alle zehn Jahre stattfindet.

Es ist schön draußen, ein recht frischer Apriltag, König ohne Jacke im Anzug, "vor drei Tagen neu gekauft", schwärmt er, blau mit breiten Streifen, braune Schuhe dazu, sieht wirklich sehr schick aus, bloß dass die Sattelstange des Dienstrades lose ist und gleich im Rahmen versinkt, wovon der künstlerische Leiter der Ausstellung sich aber nicht bremsen lässt. Viel zu tief sitzend, breitbeinig und wackelnd, die Verkehrsregeln frei interpretierend, kommt er in Fahrt, seine Begleiter über den Lenker hinweg mit Anekdoten aus vier Jahrzehnten versorgend.

Wir halten an einer leeren, öden Nische zwischen dem Archäologischen Museum und dem früheren Kunsthistorischen Institut. Hier habe viermal der alte Campingwagen gestanden, das Projekt des amerikanischen Konzeptkünstlers Michael Asher. 1977, 1987, 1997 und 2007, je eine Woche lang, dann sei der Anhänger an einen anderen Ort der bis zu 19 Stationen umfassenden Schau gezogen worden.

Asher ging es nicht um den Caravan als Objekt, der wurde jeweils angemietet. Ihm ging es um die Beziehung des transitorischen Fahrzeugs zur statischen Stadt. "Beim ersten Mal, 1977, hat man es total ignoriert", erinnert sich König. "Beim zweiten Mal, 1987, hat man kritisiert, das sei Konzeptkunst, wie man sie schon kenne. Beim dritten Mal wurde das mit Interesse wahrgenommen, und beim vierten Mal wurde es ikonisch. Es gibt inzwischen bestimmt 50 Doktorarbeiten zu Michael Asher."

Die Karriere des wiederholten Kunstwerkes zeigt, wie gewissermaßen aus dem Nichts Intensität entstehen kann. Im Jahr 2012 starb Asher, weshalb es bei den Skulptur Projekten 2017, die am 10. Juni beginnen, keinen herumstehenden Campingwagen mehr geben wird. Stattdessen ist ihm eine faszinierende Archiv-Ausstellung im Landesmuseum gewidmet. Skizzen, Briefwechsel, Rechnungen, Zeitungsausschnitte und Fotos zeichnen die Geschichte des Projektes nach.

Des Öfteren steckten Polizisten Knöllchen an den Wagen, einmal kamen Diebe und stahlen ihn, und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt fiel es den Ausstellungsmachern schwerer, ein weiteres Exemplar desselben Typs zur Anmietung aufzutreiben.

Man sieht in den Vitrinen auch schön den Übergang von maschinengeschriebenen Entwürfen hin zu inzwischen verblichenen Faxen und ausgedruckten Campingwagen-Mails.

Den Abschluss der Ausstellung bilden 19 aktuelle Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie zeigen die früheren Standorte ohne den Campingwagen. Als der Fotograf die Aufnahmen machte, kamen verschiedentlich Anwohner auf ihn zu: "Sind Sie hier wegen Michael Asher?"

So hat sich ein Projekt, das anfangs in der Stadt kaum wahrgenommen wurde, weil viele Bürger den Campingwagen gar nicht als Kunst erkannten, über die Jahrzehnte ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Und die ursprüngliche Konstellation – statische Stadt versus transitorisches Fahrzeug – hat sich umgedreht. In der Erinnerung steht der seltsame Wohnwagen immer noch da, wo längst ein Baum gewachsen ist oder eine Baulücke sich geschlossen hat.

"Wir sollten jetzt beim Rückriem vorbeigehen!" Kasper König wuchtet sein Dienstrad eine Treppe hinunter, wir kommen durch den Jesuitengang zur Petrikirche, der Universitätskirche. Ihr hatte der Bildhauer Ulrich Rückriem 1977 die archaische Plastik Dolomit zugeschnitten aus neun grob bearbeiteten Steinrohlingen gegenübergestellt.

"Damals haben sich die Leute unglaublich aufgeregt", sagt König. "Dann hat der Rektor der Uni gesagt, er will das Ding loshaben, das sei ja nur eine Fläche für Wandzeitungen und Proteste." 1981 setzt sich die Uni durch, der "Steinhaufen" kommt weg. Er findet Aufnahme bei der Sammlerfamilie Grässlin in St. Georgen. Ein Student der Kunstgeschichte aus Münster sieht das nicht ein und schreibt seine Doktorarbeit über Rückriem sowie ein Gutachten zur Rückführung der Skulptur. 1987 kehrt sie zurück, erworben von der Stadt Münster. "Sechs Jahre war sie auf Kur im Schwarzwald", resümiert König und freut sich über den Sieg der Kunst.

Projekte, die irgendwie mit Kirche zu tun haben, machen im tiefschwarzen Münster bis heute Probleme.

Die allermeisten Plastiken stehen nur während der Kunstschau; danach werden sie abgebaut wie die gewaltige Fettecke Unschlitt, mit der Joseph Beuys 1977 eine architektonische Wunde der Universität heilen will, den keilförmigen Hohlraum unter der Rollstuhlfahrerrampe, die das Hörsaalgebäude H1 mit der Bäckergasse verbindet.