Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

90 Prozent: Auf diese Zahl haben die europäischen Finanzpolitiker die letzten Jahre gebaut, als sie den Süden Europas in den Würgegriff nahmen. Die beiden Star-Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart wollen herausgefunden haben, dass die Verschuldung eines Staates nicht höher als 90 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen darf. Ist sie höher, ist Wachstum unmöglich. Die Erkenntnis der Harvard-Koryphäen wurde zur Grundlage der europäischen Austeritätspolitik. Die Zahl avancierte zum Allgemeingut, ja zu einer gültigen Wahrheit. Wahrscheinlich war es die einflussreichste Studie des Jahrzehntes – und die verheerendste.

Denn im Nachhinein zeigte sich, dass die Forscher die Daten falsch verknüpft haben. Es gibt keine historische 90-Prozent-Grenze. Im Gegenteil: Wachstum ist auch dann noch problemlos möglich, wenn die Verschuldung höher als 90 Prozent ist. Doch nun ist es zu spät, der Schaden ist längst angerichtet.

Irreführende Zahlen, das gibt es auch in der Schweiz. So 2008 vor der Abstimmung über die Unternehmenssteuerreform II. Jüngeren Datums ist die bundesrätliche Beteuerung, die Schweiz unterstütze ihre Landwirtschaft lediglich dreimal stärker als die EU und sechsmal stärker als die USA oder Kanada. Wäre dem wirklich so, hätten wir längst einen Bauernaufstand. Der Ökonom Felix Schläpfer von der Denkwerkstatt "Vision Landwirtschaft" hat erkannt, dass der Bundesrat Äpfel gegen Birnen aufgewogen hat: Bezogen auf die Fläche, die in der Schweiz landwirtschaftlich genutzt wird, unterstützt unser Land seine Bauern zehnmal mehr als die EU, 53-mal mehr als die USA und 72-mal mehr als Kanada.

Am allerschwierigsten aber ist es, wenn mit Zahlen Stimmungen geschürt oder verstärkt werden sollen. Eine Studie, die uns weismachen wollte, die Kriminalität steige mit der jährlichen Rate an Zuwanderung, dürfte in bestimmten Kreisen leicht Anhänger finden. Obwohl die Kriminalität in der Schweiz nachweislich sinkt.

Die SVP nutzt die Macht der Zahlen schon seit Jahren. Öfter sind diese aber nicht einfach nur falsch, sondern grob übertrieben und aus dem Zusammenhang gerissen, um damit ein falsches Bild zu erzeugen – nämlich eines der akuten Bedrohung. Ein Beispiel: "Fast 200.000 Ausländer sind im letzten Jahr in die Schweiz eingewandert", twitterte kürzlich ein abgewählter Nationalrat der Volkspartei mit Verweis auf die Masseneinwanderungsinitiative. Nur: Die Zahl ist falsch. Es waren 15 Prozent weniger. Berücksichtigt man die Wegzüge und Todesfälle von Ausländern, bleiben unter dem Strich noch etwa 51.500, also etwa ein Viertel. Auch das mag vielen zu viel sein – aber es ist eben viermal weniger als behauptet.

Ich will hier keine statistische Rosinenpickerei betreiben. Es geht mir um das Beispielhafte: Je eher eine Studie das Ergebnis liefert, das viele glauben möchten, umso größer ist auch die Bereitschaft, den Zahlen zu glauben.

Im Zeitalter von Algorithmen und Informatik lauert hier ein großes Risiko: Falsche Zahlen bleiben nicht einfach nur falsch. Sie werden zur realen Gefahr für die Demokratie.