Jonathan Meese trägt heute Längsstreifen, weiß, eine adidas-Trainingsjacke. Der Kellner trägt immer Querstreifen, blau. Er ist als Matrose verkleidet.

Es gibt einige Lokale in Hamburg, in denen man vermuten würde, berühmte Künstler zu treffen. Dies ist keines davon. Das Vlet an der Alster liegt, wenig überraschend, am Alsterfleet, gleich unterm Jungfernstieg. Früher war hier der Friesenkeller, der mit seinem Flatrate-Labskaus vor allem Touristen ansprach. An dieser Ausrichtung hat Christoph Klaiber vom Catering-Konzern Nord Event wenig geändert, als er das Restaurant im Sommer 2016 neu eröffnete. Warum auch, wenn man eine Terrasse mit Blick bis zum Rathaus hat?

Betrüblich war nur, dass in den ersten Monaten das Chaos regierte. Zu Klump gebratene Fischfilets, Tagesgerichte à la Lachs mit Möhre und Kartoffelbrei, die an Babynahrung erinnerten. Klaiber ging damit abgeklärt um. Die ersten drei, vier Monate nach einer Neueröffnung könne man meistens vergessen. "Aber jetzt läuft es einigermaßen."

Das wiederum ist Understatement, wie man schnell bemerkt. Und zwar schon beim ersten "Vöördem", der kalten Vorspeise. Geliertes Rippchen, Sülze also, klingt deftig im schlechtesten Sinne. Schmeckt dann aber sehr fein, sehr modern.

Ein guter Teil der "Obendkoort" ist mundartlich gehalten, von den "Rievkoken" bis zur Vanillecrème "ohne Schnickschnack". Da denkt der Urlauber verzückt: "So reden die im Norden." Der Hamburger wiederum denkt an das Vlet in der Speicherstadt, wo der Westfale Thomas Sampl mit großem Aufwand eine Hamburger Nouvelle Cuisine etabliert hat.

Hier präsentiert sein früherer Sous-Chef Maurizio Oster eine verklarte Version – ohne Schnickschnack, aber mit Kompetenz. In der Aalsuppe ist Aal, und man hat gar keine Lust, das zu diskutieren, weil sie nämlich ausgezeichnet schmeckt. Eine wuchtige Rinder-Fisch-Brühe (!) verbindet die rauchigen Aromen mit den süßsauren von eingewecktem Wintergemüse und einem Gel aus Trockenobst. Dazu ein rarer Orange-Riesling von der Mosel, und das Leben macht Spaß.

Das bleibt so beim modernisierten Pannfisch, der im Stil einer Trikolore bildschön arrangiert ist und bis zur letzten Gabel spannend bleibt dank des Wechselspiels von saurem Senfschaum und erdigem Kartoffel-Millefeuille. Wie oft grübelte man, wenn Gäste einen fragten, wo man gut hamburgisch isst – mit schöner Aussicht, versteht sich, in der City. Das Vlet an der Alster könnte die Antwort sein.

Auch Meese, seiner Mutter zufolge ein kräftiger Esser, scheint sich wohlzufühlen. Außer Dienst wirkt er so unmeesianisch, dass der Service ihn gar nicht erkennt. Vielleicht genießt er es, mitten im Touristengewimmel am Rathaus abzutauchen, quasi als Fremder in der eigenen Stadt.

Vlet an der Alster, Jungfernstieg 7 (Alsterarkaden), Altstadt. Tel. 35 01 89 90, www.vlet-alster.de. Geöffnet täglich von 11 bis 22 Uhr, Abendkarte ab 17.30 Uhr. Menü ab 48 Euro