Patrick Jauch zieht besorgt die Augenbrauen über den Rand seiner schwarzen Hornbrille. "Ich betreibe mein Hobby mit Leidenschaft", sagt er. "Und ich will es mit voller Kraft verteidigen." Seit acht Jahren sammelt er Waffen. Seit acht Monaten kämpft er dafür, dass er und seine Schützenkollegen auch künftig in ihrer Freizeit schießen dürfen. Ohne neue Vorschriften aus Bern oder Brüssel.

Eigentlich wollte Patrick Jauch, 43, im vergangenen Jahr nur die interessierten Schützenkreise darüber informieren, dass die Europäische Union ihr Waffenrecht verschärfen wird und dass das auch die Schweiz als Schengen-Mitglied betreffen wird. Mittlerweile ist er Manager und Mediensprecher einer politischen Kampagne. "Finger weg vom Schweizer Waffenrecht" heißt seine Website, auf der sich über 120 Unterstützer versammeln. Verbände, Unternehmen, Vereine: Von den Schweizer Armeewaffenfreunden über die Gun Factory Handels AG bis zum Schützenverein Buttisholz.

Jauch ist Grafiker und trägt einen schwarzen Blazer über schwarzem Hemd. Er sitzt im Freihof, seiner Stammbeiz in Hinwil im Zürcher Oberland, klappt sein MacBook Pro auf und zeigt ein Bild einer Pistole, die viele Schützen zum Sportschießen brauchen. Dann scrollt er zu einem zweiten Bild einer Pistole, die fast gleich aussieht. "Sehen Sie den Unterschied?" Jauch deutet auf ein kleines Rechteck am Griff der ersten Waffe. "Die zweite Pistole wäre in Zukunft verboten, weil sie vier Patronen zu viel hätte – das ergibt doch keinen Sinn?"

Die Schweizer Schützen sind in Aufruhr. Sie fürchten um ihre Gewehre, um ihre Identität, um ihr Land – und die Medien stürzen sich auf sie. Auf die alten, kurligen Männer mit ihren Revolvern im Keller und auf die ahnungslosen Hausfrauen, die zu ihrem Schutz Pistolen in der Nachttischschublade lagern: allzeit bereit, den Feind, den Eindringling anzugreifen. Keine Zeitung, kein Magazin ohne große Schützengeschichte.

Waffendichte

Nach Schätzungen einer NGO kommen in der Schweiz 46 Waffen auf 100 Einwohner.

Small Arms Survey 2007 © ZEIT-Grafik

Ende März zeigte das Schweizer Fernsehen den Dokumentarfilm Schütze sich, wer kann. Der Film ist eine einstündige Geisterbahnfahrt durch die Wohnzimmer und Keller dieses Landes. Er zeigt Menschen wie "Dadi" Dahinden, IV-Rentner, das weiße Haar klebt ihm im Nacken, und der Schnauz ringelt sich im Gesicht; Menschen, die erzählen, wie sie sich vor Ausländern fürchten und deshalb Feuerwaffen im Schlafzimmer lagern.

Patrick Jauch ärgert sich über die Fernsehdoku. Er sehe sich nicht darin. Seine Schützenkollegen seien seriös, sie würden einen normalen Beruf ausüben und seien nicht radikal. Warum dann der aggressive Tonfall, den viele Vertreter der Waffenlobby anschlagen, wenn man als Journalist mit ihnen reden möchte? Jauch sagt: "Die Nerven liegen blank." Man wolle sich nicht von der EU sagen lassen, wie das Schweizer Waffenrecht sein müsse. Und für seine Sache einzustehen, wenn man angegriffen werde, das sei doch selbstverständlich?

Die Wut der Schützen gründet in der Richtlinie 91/477/EWG. Sie regelt den Erwerb und den Besitz von Waffen in den Mitgliedstaaten der EU und im Schengen-Raum. Dazu gehört auch die Schweiz. Das Europäische Parlament hat die Richtlinie in diesem März verschärft, nachdem Terroristen bei den Anschlägen im November 2015 in Paris halbautomatische Waffen benutzt hatten. Der Kauf von Waffen soll deshalb erschwert, die Überwachung ihrer Besitzer ausgebaut, und große Schussmagazine sollen ganz verboten werden. Der Europäische Rat entscheidet voraussichtlich Ende April über die neue Norm.

Die Schweiz hat danach zwei Jahre Zeit, ihr eigenes Recht anzupassen. Dafür braucht es eine Änderung des Waffengesetzes. Es wurde bereits 2008 revidiert, als die Schengener Vorschriften sich änderten. Seither müssen in der Schweiz alle Besitzer ihre Waffen beim Kanton melden, heute sind dort 750.000 Pistolen, Revolver und Gewehre registriert. Das zeigt die Auswertung einer zentralen Datenbank der Kantone. Der Bund schätzt allerdings, dass insgesamt zwei Millionen Waffen im Umlauf sind, NGOs gehen sogar von bis 3,5 Millionen aus. Die Schweiz gehört damit zu den Ländern mit der höchsten Waffendichte weltweit; hinter den USA und dem Jemen.