So gottverlassen war die AfD nun nicht, dass sie beim Kölner Parteitag den Antrag zur Abschaffung der Kirchensteuer durchgewinkt hätte. Aber der Staat zahlt den Kirchen direkte Steuerzuwendungen als Ausgleich für die Enteignungen unter Napoleon 1813. Die FDP hatte es schon mal versucht, die Linken probieren es immer wieder, nun hat die AfD die Forderung in ihr Wahlprogramm aufgenommen, "die Bezahlung von Kirchenrepräsentanten wie Bischöfe et cetera" aus allgemeinen Steuermitteln abzuschaffen. Die Begründung: "Durch ihre einseitigen, demokratiefeindlichen Stellungnahmen und Handlungen gegen die legitimen Positionen der AfD" hätten sie jegliches Anrecht auf Unterstützung durch ein demokratisches Gemeinwesen verwirkt.

Aus diesem Antrag spricht enttäuschte Liebe. Anfänglich gab es so etwas wie zarte Bande zwischen den christlichen Konservativen in der CDU und der AfD. Diese Bande verknüpften sich 2015 in Stuttgart während der "Demo für alle", in der eine obskure Allianz Front gegen den baden-württembergischen Bildungsplan machte, weil sie eine "Sexualisierung der Gesellschaft" und das traditionelle Geschlechterrollenbild gefährdet sah. Diese Untergangsbeschwörungskoalition hielt nur so lange, bis die CDU mit den Grünen eine Koalition nach der Landtagswahl einging. Als nun noch beide Kirchen Angela Merkels Flüchtlingspolitik unterstützten, wurde dieser Akt christlicher Barmherzigkeit als Selbstaufgabe der deutschen Nation gedeutet. Wäre da nicht der "Marsch für das Leben" der Abtreibungsgegner jährlich in Berlin, gäbe es gar keine Überschneidungen mehr.

Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens übernahm den Pfarramtskandidaten Thomas Wawerka wegen dessen Nähe zur AfD nicht in ihren Dienst. In Köln ließ der Kardinal das Licht am Dom ausknipsen, die Pegida-Demo verlor sich im Dunkeln. Das alles sieht die AfD als Kriegserklärung. Im Osten, wo die Christen ohnehin dünn gesät sind, noch mehr. Dort wird die Kirche nicht als Heilsbringer angesehen, ihre moralische Instanz, die während des Untergangs des SED-Staates Geschichte schrieb, hatte sich mit der Wiedervereinigung historisch erledigt.

Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts sahen in den Kirchen eine Gegenmacht zur irdischen Diktatur. Die braunen und roten Sozialisten versuchten ihnen das Wasser abzugraben. So dürfte es den nationalen Tiefenströmungen, die in der AfD aktiv sind, auch ein traditionelles Bedürfnis sein, die Kirchen zu kujonieren – Pfaffenhass als Brauchtumspflege.

Die Kirchen, nicht schuldlos geblieben in ihrer Kollaboration mit der Diktatur, haben aus der Vergangenheit gelernt und wollen es dieses Mal besser machen bei der Verteidigung der offenen Gesellschaft gegen ihre Feinde. Sie riefen unter dem Motto "Unser Kreuz hat keine Haken" zum friedlichen Protest gegen die AfD auf.

Erstaunlich, dass die führenden Köpfe nach der Schwächung Frauke Petrys nun mehrheitlich westlich sozialisiert sind. Ist das Ex-CDU-Mitglied Alexander Gauland nun der Mann für die Grauzone zwischen merkelmüden CDUlern und liberaleren AfDlern?

Auch die AfD-Europaabgeordnete Beatrix von Storch, die in Brüssel an der Abschaffung ihres eigenen Postens arbeitet, wurde beim katholischen Neujahrsempfang in Berlin gesichtet. Soll hier eine bürgerliche Fassade gewahrt werden? Jörg Meuthen reklamiert für sich, ein überzeugter Christ zu sein, und erklärte schon 2016, die AfD stehe auf einem christlichen Wertefundament. Als noch der ehemalige NS-Marinerichter Hans Filbinger Baden-Württemberg regierte, hätte Meuthen eine AfD wohl für obsolet gehalten. Was immer da beabsichtigt ist: Mit der Einbindung von pegidanahen Rechtsauslegern wie Björn Höcke wagt die Partei jedenfalls einen Ritt auf der Rasierklinge.

Klar ist: Die AfD kann auf die Kirchen nicht mehr bauen. Denn die organisierten Gläubigen haben ihre zivilgesellschaftliche Verantwortung erkannt. Nach dem Kölner Parteitag wird sich die AfD als die Partei der Zivilcourage inszenieren, wie das alle rechtspopulistischen Bewegungen gerade versuchen. Dagegen gehen die Kirchen an. Sie wissen zwischen Wut und Mut zu trennen.

So, wie die Dinge stehen, ist das Tischtuch zerschnitten. Die Kirchen wollen, statt Pegida-Fahnen zu schwenken, Flagge zeigen "gegen Hass, Polarisierung und gegenseitige Abwertung als Mittel zur Politik". Es ist für eine Bewegung zermürbend, wenn sie sich des Rückhalts der wichtigsten ethischen Player nicht versichern kann.

In ihrer Frustration wirft die AfD alle in einen Topf: den öffentlichen Rundfunk, die Presse, die Kirchen. Für sie sind sie Teil einer gelenkten Meinungsmaschinerie. Dieser Verfolgungswahn treibt die Partei in die Radikalisierung. Die Kirchen sollten allen, die mit diffusen Ängsten den Rechten nachlaufen, die Tür zur Umkehr offen halten.