Frage: Herr Görlach, welches Zeichen geht vom Papstbesuch in Ägypten aus?

Alexander Görlach: Es ist sicher eine Stärkung der Gemeinden im Nahen Osten. Die Christenverfolgung hat dort durch die Terrormiliz IS eine systematische Form angenommen. Nur noch drei Prozent der Bewohner der Region gehören zur christlichen Minderheit.

Frage: Braucht es erst einen Papstbesuch, um den Westen darauf aufmerksam zu machen?

Görlach: Das Thema ist in Deutschland unterbelichtet. Es wird konservativen Kreisen überlassen. Die letzten Päpste hingegen haben sich oft gegen religiöse Verfolgung generell ausgesprochen.

Frage: Kann sein Besuch als Provokation aufgefasst werden?

Görlach: Von den normalen Ägyptern nicht. Ihre Kultur ist eine der ältesten der Welt, älter als der Islam oder das Christentum. Darauf wurde zu Hosni Mubaraks Zeiten immer abgestellt, das ist auch heute noch das Narrativ im Land: die gemeinsame Geschichte wiegt mehr als die Verschiedenheit der Religion.

Frage: Dennoch werden ägyptische Kopten diskriminiert.

Görlach: Im Islam gibt es durchaus auch die Vorstellung, dass alles, was nicht islamisch ist, auf dem zweiten Platz steht. Nach islamischer Vorstellung dürfen Sie keine neue Kirche bauen, sofern keine Moschee daneben errichtet wird. Sie dürfen auch nicht ohne Weiteres eine Kirche renovieren. Auch das gibt es in Ägypten. Es ist in etwa damit vergleichbar, wie wenn man in Deutschland Diskussionen über Minarette führt. Das Christentum und der Islam, die Kulturen, die aus diesen Religionen erwachsen sind, schließen sich an etlichen Stellen gegenseitig aus. Die gegenseitigen Werturteile sind geschichtlich tief verankert. Für die Zukunft braucht es einen neuen Dialog.

Frage: Deshalb wird der Papst auch die Al-Azhar-Universität besuchen.

Görlach: Sie ist die älteste sunnitische Universität der islamischen Welt und damit eine sehr mächtige Einrichtung. Es gab bereits für vier Jahrzehnte einen institutionellen Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und der Universität. Dieser hat jedoch zu Kontroversen geführt.

Frage: Wieso?

Görlach: Die Ägypter trennen zwischen den Kopten, die zum eigenen Land gehören und die man akzeptiert, und den westlichen Christen, die für eine Nähe zu Amerika, Dekadenz und Kapitalismus stehen. Es ist in Teilen der ägyptischen Gesellschaft, aber auch innerhalb der Universität sehr umstritten, sich mit westlichen Christen, den sogenannten Lateinern, zu beschäftigen.

Frage: Und aufseiten des Vatikans?

Görlach: Auch im konservativen Benedikt-Umfeld gab es Kräfte, die sagten: Wir setzen uns nicht mit jedem bedingungslos an einen Tisch. Der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog wurde unter dem Pontifikat Benedikts degradiert. Den Dialog einschlafen lassen haben meinem Eindruck nach am Ende aber die Gelehrten der Al-Azhar.

Frage: Wie kam das?

Görlach: Wenn man sich getroffen hat, um über ethische Fragen zu diskutieren, war das den Teilnehmern vonseiten des Heiligen Stuhls immer etwas peinlich. Denn sie brachten, jetzt überspitzt gesagt, ein Thesenpapier mit 100 Seiten, 1.000 Fußnoten und drei Expertenkommissionen mit, während die Gelehrten der Al-Azhar-Universität akademisch eher schmal auf der Brust waren. Und zumindest in meinem Fachbereich, an dem ich studiert habe, wurde jetzt nicht sehr wissenschaftlich gearbeitet.

Frage: Sie bezeichnen die Universität als Missionsschule.

Görlach: Junge Ägypter lernen an der Al-Azhar keine kritische Wissenschaft kennen, sondern wie man mit welchen Argumenten Christen in Europa zum Islam bekehrt. Mein Interesse, mich mit dem Islam zu beschäftigen, wurde in diesem Sinne nicht akademisch, sondern als mein erster Schritt zu einer Bekehrung verstanden. Das ist absurd, was Dialog bedeutet, ist nicht einstudiert und gelernt gewesen. Auch deshalb fand man mit dem Heiligen Stuhl keine Wellenlänge. Doch der Dialog mit der Al-Azhar ist wichtig. Deshalb will der Papst ihn wiederbeleben.

Frage: Was kann der Papst sonst noch in Ägypten bewirken?

Görlach: Mit seiner herzlichen Art wird er sicher viele Menschen für sich gewinnen. In der arabischen Welt hat man wahrgenommen, dass er zur Aufnahme syrischer Flüchtlinge aufgerufen hat. Doch allzu viel sollte man nicht von einem einzigen Besuch erwarten. Langfristig wird es ein Weg der kleinen Schritte sein.