Normalerweise sind Banken nicht erpicht darauf, mit der Polizei oder Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten. Vor allem nicht, wenn es um Geldwäsche, Insiderhandel und Marktmanipulation geht. Lieber beklagen sie, dass die Vorschriften immer schärfer werden, dass sie immer mehr Zeit und Angestellte in Anspruch nehmen und alles verlangsamen, kurz: dass sie ein bürokratisches Monster sind.

Doch das Attentat auf die Spieler von Borussia Dortmund zeigt, dass die verhasste Compliance auch ein Segen sein kann. Der Deutschrusse Sergej W. wird verdächtigt, am 11. April Sprengsätze in der Nähe des Mannschaftsbusses von Borussia Dortmund gelegt zu haben, um einen Anschlag zu verüben und später an der Börse von fallenden Kursen der BVB-Aktie profitieren zu können. Doch die Comdirect-Bank, die er für die Transaktionen nutzte, war wachsam. Der Compliance sei Dank. Gäbe es die Vorschrift nicht, dass Banken die Finanzgeschäfte ihrer Kunden beobachten und alle Verdachtsmomente dem Bundeskriminalamt oder der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht melden müssen, wäre der jetzt in Haft sitzende Sergej W. wohl noch auf freiem Fuß. Das sollte die Branche gerade jetzt, da nach viel Widerstand neue Regeln zur Vermeidung von Geldwäsche in Kraft treten, nicht vergessen.

Seit 1992 wurden die Vorschriften, nach denen die Finanzbranche verdächtige Geldbewegungen melden muss, stets verschärft. Einerseits ging es Anfang der neunziger Jahre darum, den "Rauschgifthandel und andere Erscheinungsformen der organisierten Kriminalität" zu bekämpfen, so hieß es im Titel des Gesetzes. Andererseits sollten Geldwäsche und die "Verschleierung unrechtmäßig erlangter Vermögenswerte" verhindert werden. Wesentlich verschärft wurden die Vorschriften weltweit nach den Anschlägen auf das World Trade Center im September 2001, um die Finanzierung von Terrorismus zu bekämpfen. Später dann reagierte die Gesetzeslage auf immer neue Skandale. Die Finanzkrise führte zu einer weiteren Verschärfung.

Heute sind Kreditinstitute, Versicherungen, Gewerbetreibende, Spielbanken, Anwälte, Steuerberater und Makler verpflichtet, Verdachtsanzeige zu erstatten, wenn sie Geldbewegungen beobachten, die einen kriminellen Hintergrund haben könnten. Banken müssen Geldwäschebeauftragte im Hause haben, die mit der Kontrollabteilung, der Compliance, zusammenarbeiten. Verdachtsmeldungen gehen an eine Sondereinheit im Bundeskriminalamt, die sogenannte Financial Intelligence Unit. Oder an die Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen, die allein in Deutschland jährlich mehr als 25.000 Fälle sichten muss. Am Londoner Finanzplatz gibt es dermaßen viele Verdachtsmeldungen, dass die zuständigen Behörden mit der Bearbeitung kaum hinterherkommen.

Borussia Dortmund: Aktienkurs in Euro (Stand: 25.5.2017, 18:00 Uhr)

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Überall stöhnen die Banken, denn sie müssen künftig "grundsätzlich jede Geschäftsbeziehung und Transaktion individuell auf das jeweilige Risiko in Bezug auf Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung hin prüfen" – so steht es im aktuellen Geldwäschegesetz. Wenn sie das nicht tun, gibt es deftige Bußgeldstrafen. In Deutschland werden diese neue Regeln besonders streng umgesetzt. Der Bundesverband der Banken warnte gar, dass ein Teil der neuen Vorschriften die Eröffnung von Geschäftskonten in Deutschland behindern könnte.

Bei der Comdirect heißt es, dass die Erfahrung der Mitarbeiter geholfen habe, den Mann zu identifizieren. Das erste Mal hat der Attentäter aus dem Schwarzwald offenbar noch viel früher an der Börse gehandelt als bisher bekannt. Schon am 23. März, drei Wochen vor dem Attentat, gibt es einen Umsatz mit dem Wertpapier, das Sergej. W. in den Tagen des Anschlages wohl massenhaft gekauft hat. Der Einsatz waren magere 2.200 Euro. Am 3. April erhielt Sergej W. nach Angaben der Bundesanwaltschaft einen Ratenkredit, mit dem er stärker einstieg.

Die Aktie des Fußballvereins Borussia Dortmund – der Kurs liegt etwa bei 5,60 Euro – ist kein typisches Zockerpapier. Dennoch gibt es 23 sogenannte Put-Optionsscheine der DZ-Bank, mit denen man bei einem Kurseinbruch der BVB-Aktie das Vielfache seines Einsatzes als Gewinn einstreichen kann. Kaufen kann man die Papiere mit wenigen Klicks am Computer.

Am 3. April kam plötzlich Bewegung in die Optionsscheine. Am späten Nachmittag verzeichnete die Börse Stuttgart plötzlich zwei Umsätze von jeweils 5.000 Optionsscheinen in genau dem Papier, das bereits drei Wochen zuvor gehandelt worden war. Der Aufwand für den Käufer: 1.800 Euro. Sergej W. testete wohl sein Vorhaben.