Es ist ein Tag im Frühling 2017, und Herr Papperitz ist zu Besuch in der DDR. Er hat sich in die Küche gesetzt, Modell Ratiomat 95 des VEB Möbelkombinats Dresden-Hellerau. Nebenan im Wohnzimmer liegen mehrere Ausgaben der Zeitschriften Guter Rat und Sibylle. Und beim alten Kachelofen weiß Herr Papperitz ganz genau, welche der Klappen er öffnen muss, um die Kohlen einzuschichten. Draußen auf der Straße, die Herr Papperitz durch die Fenster sehen kann, lebt die Welt im Jahr 2017. Drinnen, in seiner Küche, lebt Herr Papperitz in den sechziger Jahren.

Herr Pappritz ist um die 80 Jahre alt, er wohnt in der Seniorenresidenz Alexa im Dresdner Stadtteil Pieschen, und er ist dement. Für Menschen wie ihn hat das Heim auf 100 Quadratmetern die DDR wieder aufgebaut. Rund 20 Senioren besuchen hier, Tag für Tag, einen untergegangen Staat: Morgens um acht Uhr kommen sie an, parken ihre Rollatoren vorm Intershop, frühstücken in der Ratiomat-Küche. Dann wird gebastelt, geredet und mit Amiga-Schallplatten an früher erinnert. Acht Stunden lang, von Montag bis Freitag. Am Wochenende hat die DDR geschlossen.

Ein Altenheim baut den SED-Staat nach, das klingt erst einmal lustig. Sogar dem britischen Telegraph war das eine Geschichte wert: Für Dresdner Rentner lasse man das communist East Germany wiederauferstehen. Dabei verbirgt sich eine ernste Sache hinter der Idee. Und vermutlich auch eine gute.

Gunter Wolfram ist der Mann, der sich das ausgedacht hat, er leitet das Altenheim, und wenn man ihn fragt, warum er Senioren die DDR vorgaukelt, sagt er: um ihnen zu helfen.

Den Bewohnern, so Wolfram, sei natürlich irgendwie klar, dass sie in den 2000er Jahren leben. "Aber seit wir die neuen Räume haben, können Menschen, die vorher nur im Bett lagen, plötzlich wieder ihre Schnitten schmieren und selbst aufs Klo gehen", sagt er und staunt selbst ein bisschen darüber, wie gut das funktioniert, was sie hier Erinnerungsraum nennen. Ist die DDR 27 Jahre nach ihrem Ende also noch mal für Wunder gut? Und ist das nicht doch ein bisschen wunderlich?

Die Idee, die dahintersteht, ist jünger als die deutsche Teilung, aber nicht ganz neu: Die sogenannte Biografiearbeit kennen Altenpfleger schon seit einigen Jahren. "Man hat immer gedacht, einem Mann, der früher Friseur war, müsse man einen Föhn in die Hand geben. Das funktioniert aber nicht so gut", sagt Gunter Wolfram. Viel besser sei es, an ein allgemeineres Lebensgefühl anzuknüpfen – mit der Puhdys-Platte im Schrank oder mit genau der Brotschneidemaschine in der Küche, die ein Patient von früher kennt. Alles, was mit positiven Emotionen verknüpft sei, wecke Erinnerungen. Und wo Erinnerungen sind, ist auch wieder ein bisschen Leben. Dass es im Dresdner Altenheim die DDR ist, die die positiven Erinnerungen stiften soll, hat nichts mit SED-Verklärung zu tun, sondern ganz einfach damit, dass jetzt jene Senioren in ein greises Alter kommen, die den Großteil ihres Lebens in der DDR verbracht haben.

Im Dresdner Altenheim hat alles mit dem Troll angefangen, sagt Gunter Wolfram, der Altenheimleiter. 55.000-mal ist der "Troll", ein Motorroller, in den 1960er Jahren im VEB Industriewerke Ludwigsfelde gebaut worden. Einer davon verstaubte bis vor anderthalb Jahren in einer Scheune im Erzgebirge. Wolfram ersteigerte ihn auf eBay. Eigentlich sollte der Roller nur als Staffage im neuen Kinosaal des Altenheims dienen. "Aber er hat uns bei der Premierenfeier fast die Show gestohlen", erzählt Wolfram. Alle Senioren interessierten sich nur für den Troll.

Vor allem die dementen Bewohner, die sonst oft vor sich hin dämmern, waren fasziniert: Sie probierten Bremse und Gaspedal, setzten den Blinker, erzählten davon, wie schwierig das Ding zu fahren gewesen sei. Wolfram und seine Leute waren verblüfft: Wenn das so einfach ist, dann wagen wir halt mehr DDR, dachten sie. Also wieder zu eBay und in die Trödelläden: Sozialismus-Devotionalien ersteigern, Möbel kaufen, Bekannte um alte Küchengeräte bitten. Einen SED-Staat im Pflegeheim errichten. Seit gut einem Jahr steht nun am Dresdner Hubertusplatz die kleine DDR.