DIE ZEIT: "Verfall", "Schutt und Scherben", "Geschichtsvergessenheit" – das Deutsche Historische Museum hatte keine gute Presse. Empfinden Sie das als Bürde oder als Chance?

Raphael Gross: Es ist definitiv eine große Herausforderung. Schwieriger aber wäre es, ein Haus zu übernehmen, in dem alles so perfekt läuft, dass das einzige Problem der neue Präsident ist.

ZEIT: Sie haben das Londoner Leo Baeck Institut geleitet, das Fritz Bauer Institut und das Jüdische Museum in Frankfurt, zuletzt hatten Sie eine Professur für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig. Warum nun Berlin?

Gross: Weil hier ein unglaubliches Potenzial liegt. Hier arbeitet ein Team von Experten in einer Breite und Tiefe, wie das wahrscheinlich wenige historische Museen zu bieten haben. Dazu die Sammlung von fast einer Million Objekten. Gründungsdirektor Christoph Stölzl hat das DHM einmal den Rolls-Royce unter den historischen Museen genannt.

ZEIT: Ein Rolls-Royce, ja. Aber einer, der ständig in die Werkstatt musste ...

Gross: Richtig ist: Über wenige historische Einrichtungen wurde in den vergangenen 30 Jahren so viel debattiert. Wobei es stets um mehr ging als nur das Haus selbst.

ZEIT: Als es 1987 gegründet wurde, befürchteten viele, das DHM werde eine historische "Wiederaufbereitungsanlage" nach Kohls Wünschen, eine Institution gewordene geistig-moralische Wende, um die Deutschen mit ihrer Nationalgeschichte auszusöhnen. Sind diese Debatten in ihrer Heftigkeit heute noch nachvollziehbar?

Gross: Doch, doch, man kann das nachvollziehen. Es war auch berechtigt. Man darf das nicht aus der Gegenwart heraus zukleistern und sagen: Was haben die sich aufgeregt!

ZEIT: Müssten wir die Fragen von damals nicht gerade heute noch einmal hervorholen und uns ein Quäntchen des damaligen Furors erhalten?

Gross: Das wäre ahistorisch. Aber das heißt nicht, dass man die damaligen Ängste nicht ernst nehmen sollte. Zum einen die Angst vor revisionistischen Tendenzen. Der Historikerstreit war noch im Gange, da stand der Verdacht im Raum, dass der Holocaust relativiert werden könnte. Damals gab es hierzulande noch kaum empirische Forschung über den Holocaust – aber umso mehr Wille, ihn kleinzureden. Dazu die Angst, das DHM könne ein Ort politisch gelenkter Geschichtsschreibung werden. Das fiel ja noch in die Zeit der Teilung. Es ging um die Frage, wie man sich gegen die DDR abgrenzt, denn "drüben" gab es schon ein deutsches historisches Museum, genau hier im alten Zeughaus, das nach der Vereinigung der Sitz des DHM wurde. Der Grundstein wurde 1987 an einem anderen Ort gelegt: dort, wo heute das Kanzleramt steht.

ZEIT: Nach der Wiedervereinigung hat man sich dann auch die DDR-Bestände einverleibt, als Basis der eigenen, noch zu schaffenden Sammlung.

Gross: Das DHM war seit 1989 auch Sinnbild der politischen Umwälzungen. Klar, dass die Emotionen hochschlugen. Stölzl hat es aber geschafft, viele der anfänglichen Sorgen zu zerstreuen.

ZEIT: Auf Stölzl, der nie ein Gesamtkonzept vorgelegt hat, folgte Hans Ottomeyer. 2006 hat er die heutige Dauerausstellung eröffnet. Da gab es vor allem von konservativer Seite viel Lob, nach dem Motto: Nun haben wir das Gezänk endlich hinter uns gelassen. Liegt darin nicht auch eine Gefahr? In dem Glauben, man habe jetzt alles, was heikel ist, "bewältigt" und könne sich nun entspannt die schönen Objekte angucken?

Gross: Ich würde sagen, dass das sehr langweilig ist. Warum sollen wir Langeweile zu produzieren?

ZEIT: Was ist Ihr Gegenrezept?

Gross: Zunächst einmal leben wir in einer Zeit, die nun wirklich nicht langweilig ist. Fast möchte man sagen: leider. Das Naheliegende wäre, zu denken: Wir müssen viel aktueller werden! Eine große, spektakuläre Talkshow. Aber das wäre ein Irrweg. Unsere Aufgabe ist es, die historische Urteilskraft zu stärken, weil wir all diese Schreckensszenarios vor uns haben. Wie reagiert man auf religiösen Fanatismus, auf Migrationsströme, auf das, was wir behelfsweise Populismus nennen?