Es ist ein wenig wie bei kleinen Kindern, die etwas angestellt haben: Keiner will schuld sein, alle zeigen mit dem Finger auf die anderen. Aber im Gegensatz zu den meisten Kindern kommen sie damit durch. Die Bundesregierung hält an den bestehenden Grenzwerten fest. Und die Bürger wollen gar nicht so genau Bescheid wissen. Über die App von Andreas Hainsch vom Luftnetzwerk Niedersachsen kann sich jeder auf dem Handy live die Luftdaten der jeweils nächstgelegenen Messstation anzeigen lassen. Auf den Internetseiten der Landesbehörden finden sich stündlich neue Messergebnisse. Selbst im Videotext lassen sich aktuelle Feinstaubwerte abrufen.

Die Resonanz, sagt Hainsch, sei gering. Die Leute interessieren sich nicht für Schadstoffe in ihrer Atemluft.

Ein schwarzer Golf fährt am Münchner Flughafen entlang, er steuert auf das Vorfeld zu. Wolfgang Herrmann, auf dem Beifahrersitz, schaut auf die Anzeige des Messgeräts. "Wahnsinn", sagt er, "das steigt immer weiter."

"Wie viele sind es?", fragt Oswald Rottmann, der Fahrer. Es sind sehr viele. 60.000, 65.000, 70.000, mit jedem Meter, den der Wagen sich dem Feld nähert, wächst die Zahl. Zehntausende Partikel in nur einem Kubikzentimeter Luft. Ultrafeinstaub mit einem Durchmesser von unter 0,1 Mikrometern.

Wenn man sich ein Haar als Säule mit zwei Metern Durchmesser vorstellt und das kleine Feinstaubpartikel ein Tennisball ist, dann ist ein Ultrafeinstaub-Partikel ein Stecknadelkopf. Diese Teilchen sind so klein, dass sie nicht einmal von den Lungenbläschen aufgehalten werden. Sie gelangen ins Blut und mit dem Blut über die Arterien quer durch den Körper, zu den Organen.

Kurz vor dem Rollfeld knickt die Zufahrt zum Terminal 1 nach links ab und führt in einer langen Rechtskurve um das Vorfeld herum. Der Golf fährt weiter. Auf dem Asphalt stehen Flugzeuge und warten auf Passagiere, andere rollen zum Start. Das Autofenster ist einen Spalt breit geöffnet, kühle Abendluft zieht ins Innere. Es riecht nach Kerosin.

Das Messgerät aus blauem Plastik steht zwischen den Vordersitzen, es hat die Form eines Handstaubsaugers, ein Schlauch mündet in ein feines Metallrohr, das durch den Fensterspalt nach draußen ragt. Die beiden Männer haben es für 6.000 Euro angeschafft.

Oswald Rottmann und Wolfgang Herrmann sind keine Mediziner. Rottmann ist Agrarwissenschaftler, Herrmann ist Ingenieur. Beide Männer wohnen in Freising, sechs Kilometer Luftlinie vom Flughafen München entfernt. Bis vor wenigen Jahren erschien ihnen Feinstaub als Problem der Großstadt, in Freising war die Luft doch gut. Dann hörten sie von dieser Studie aus Los Angeles.

Die beiden Männer engagieren sich seit Jahren in Bürgerinitiativen gegen die dritte Startbahn, die nach dem Willen der bayerischen Landesregierung am Münchner Flughafen gebaut werden soll. Sie interessieren sich für alles, was sich dagegen vorbringen lässt. Und die Forscher aus den USA hatten etwas gefunden.

Bei Messungen im Umfeld des internationalen Flughafens in Los Angeles hatten Wissenschaftler deutlich erhöhte Werte beim Ultrafeinstaub festgestellt. Selbst an Orten, die mehrere Kilometer entfernt lagen.

In Sachen Feinstaub galten Flughäfen bis dahin als unbedenklich. Die Messungen lieferten keine Anhaltspunkte für eine erhöhte Schadstoffbelastung. Und wenn doch, dann schien diese vom Autoverkehr am Flughafen zu stammen.

Flugzeuge stoßen das Treibhausgas CO₂ aus, sie beschleunigen den Klimawandel, das wusste man. Für die unmittelbare Gesundheit des Menschen aber galten sie als eher unbedenklich.

Nun sieht es so aus, als habe man ihren Einfluss nur nicht richtig messen können.

Denn um Ultrafeinstaub zu erfassen, braucht es andere Instrumente. Die Partikel sind so klein und leicht, dass das bisherige Verfahren sie nicht registrieren konnte.

Deshalb gibt es bisher kaum Daten über Ultrafeinstaub. Die wenigen Studien weisen auch an großen Straßen hohe Mengen von Ultrafeinstaub nach. Der besteht mehrheitlich aus Rußpartikeln. Denn die kleinsten Teilchen stammen häufig aus Verbrennungsprozessen, wie in Automotoren oder Flugzeugturbinen. Je heißer die Verbrennung, desto kleiner die Partikel.

Belastbare Erkenntnisse darüber, was die ultrafeinen Teilchen für die menschliche Gesundheit bedeuten, gibt es noch nicht. Doch wirklich gesund, so viel lassen die bisherigen Studien vermuten, kann es nicht sein, wenn Ruß direkt ins Blut wandert. Mit Ratten wurden bereits Versuche gemacht, der Ultrafeinstaub drang bis ins Hirn vor.

Auf der südlichen Landebahn in München setzt jetzt der Lufthansa-Flug LH 715 aus Tokio auf. Der Airbus rollt aus, wird langsamer und langsamer und verlässt schließlich die Landebahn. Kurz danach beginnt die Zahl auf dem Messgerät der beiden Männer zu steigen. Sie springt auf mehr als 100.000 Partikel. Bei diesem Wert bleibt sie für einige Momente stehen, dann sinkt sie zurück auf 70.000.

Oswald Rottmann und Wolfgang Herrmann schauen sich an, schweigen, dann schauen sie nach vorn über das Flughafengelände. Im Autoradio spielt ein Streichquartett, und während die beiden Männer über das Rollfeld blicken, wirft die tief stehende Sonne ihr rotes Licht durch die Heckscheibe, gebrochen von Millionen Staubpartikeln, die durch die Luft schwirren. Dann geht sie langsam unter.