Es ist der wichtigste Termin im Jahr für die Galeristen in Berlin: Am Freitagabend beginnt das sogenannte Gallery Weekend, zu dem ein Zusammenschluss von 47 einflussreichen Händlern seine wohl verkaufsträchtigsten Ausstellungen organisiert und dazu Sammler aus aller Welt einlädt. Dieses Jahr hat sich auf den angestammten Termin auch die Art Cologne (25. bis 29. April) gesetzt, die große Kunstmesse Deutschlands. Für jene Galeristen aus der Hauptstadt, die an der Kölner Messe teilnehmen, nicht unbedingt eine glückliche Koinzidenz, bedeutet sie doch erhöhte logistische Anstrengungen. Ob die Gleichzeitigkeit der Veranstaltungen vermehrt Sammler aus aller Welt nach Deutschland zieht oder aber beide Veranstaltungen schwächt, ist offen. In Zukunft wollen die Kölner mit den Berlinern jedenfalls enger kooperieren: Die Art Cologne will sich schon von September an bei der ABC engagieren, jener Berliner Verkaufsausstellung, die bisher allein von den Initiatoren des Gallery Weekends getragen wurde. Wie diese unter dem Namen Art Berlin firmierende Herbstmesse genau aussehen soll, das wird derzeit noch verhandelt.

Das von vielen anderen Städten kopierte Gallery Weekend hat im Vergleich zu allen bereits existierenden und noch neu zu erfindenden Kunstmessen dieser Welt einige Vorteile: Die oft unter prekären Bedingungen arbeitenden Galeristen sparen sich die Kosten für das Anmieten von Messehallen, Besucher müssen in Galerien selbstverständlich keinen Eintritt zahlen, und die Kunst wird dort nicht nur für die Dauer einiger Tage installiert, man kann sie auch noch mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate nach dem Gallery Weekend besuchen.

Neben Ausstellungen zum Werk der Fotografin Sibylle Bergemann (in den Galerien Kicken und Loock), zu Andreas Slominski und Cosima von Bonin (Galerie Neu) und der "Frankenstein"-Schau mit 19 Gemälden Paolo Chiaseras, in denen sich Motive und Werke von allen anderen 54 an dem Gallery Weekend beteiligten Künstler wiederfinden (Galerie PSM), gibt es vor allem drei Ausstellungen, die man nicht verpassen sollte:

Anri Salas Dekonstruktion der Internationalen

Passend zum Kampftag der Arbeiterklasse am 1. Mai und zur französischen Präsidentschaftswahl zeigt der 1974 in Albanien geborene und schon seit vielen Jahren in Berlin lebende Künstler Anri Sala seine aufwendige Videoinstallation Take Over (Preis auf Anfrage) in den neuen Räumen der expansionslustigen Galerie Esther Schipper an der Potsdamer Straße. Der Zuschauer umläuft in einem abgedunkelten Raum eine von beiden Seiten mit Videoprojektoren bespielte Wand, die auch noch durch zwei reflektierende Glasscheiben in Quadranten aufgeteilt wird. Sala hat für diese Projektionen einen Pianisten dabei gefilmt, wie er spielend die Verwandtschaft der Marseillaise mit der Internationalen herausarbeitet – und zugleich dekonstruiert. Je nach Standort sieht und hört man das Spiel eines der beiden Lieder, dazu sieht man die Reflexionen auf den Glasscheiben. Überraschend senken sich plötzlich die Tasten auch von selbst zum Spiel, das Klavier offenbart sich als programmierter Automat. Manchmal bleibt der Klang weg, sodass man nur noch das dumpfe, marschierende Schlagen der Tasten zur Melodie hört. Schließlich überwältigt der Pianist mit geballter Faust das Spiel des Automaten. Der Freiheitskampf, der zur Unterdrückung wurde, die Internationale und der Nationalismus – das alles und noch viel mehr wird in diesem Film angespielt.

Irmel Kamp und das Neue Bauen in Tel Aviv

Gleich neben dem neuen Hauptquartier von Esther Schipper liegt die Galerie des jungen Thomas Fischer, der zwar dieses Jahr nicht zum offiziellen Kreis des Gallery Weekends gehört, aber – so wie zahlreiche andere Galeristen auch – das Wochenende für eine Eröffnung nutzt. Fischer zeigt Architekturfotografien der heute 80-jährigen Irmel Kamp, die sie Mitte der neunziger Jahre in Brüssel und von 1987 bis 1993 in Tel Aviv machte. In Tel Aviv fotografierte Kamp umfassend die Architektur des Neuen Bauens aus den dreißiger Jahren und betrieb dann Grundlagenforschung zu 800 einzelnen Gebäuden.

Ihre Fotografien haben nicht nur einen architekturhistorischen Wert, sondern auch eine künstlerische Qualität. Man kann sich die überaus scharf gezeichneten Silvergelatineabzüge, die Kamp im Labor selbst produziert, stundenlang anschauen (die Preise liegen bei 3.500 Euro, Auflage von fünf Exemplaren, besonders große Abzüge kosten 7.500 Euro). Die Szenerien sind zwar so menschenleer wie die fotografischen Gebäudetypologien von Bernd und Hilla Becher, doch finden sich bei Kamp stets merkwürdige, oft auch sprechende Spuren des alltäglichen Lebens. Da steht eine anarchisch zusammengenagelte Wellblechhütte vor dem überaus eleganten weißen Bau mit den geschwungenen Balkonen, oder es wuchern eigenartige Pflanzen, Werbeschilder und ganze Bündel von Stromkabeln an den Fassaden der damals oft noch vernachlässigten, später unter Denkmalschutz gestellten Häuser hinauf.

Eine "Sexhibition" von Kasia Fudakowski

Rechts oder links? Nach dem Eintritt in den kleinen Flur der Galerie Chert Lüdde in der Kreuzberger Ritterstraße muss sich jeder Besucher entscheiden, welche Tür er nun nehmen will. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn man bekommt jeweils nur eine Hälfte von Kasia Fudakowskis Ausstellung mit dem Titel Double Standards. A Sexhibition zu sehen. Die 1985 in London geborene, seit 2006 in Berlin lebende Künstlerin liebt das lustig-provokative Spiel mit den Kunstbetrachtern – und mit ihren eigenen Heroen der neueren Kunstgeschichte.

Entscheidet man sich für die linke Tür, so gelangt man in Räume, in denen man unter anderem – so viel sei verraten – mit einer gigantischen Scheibe Speck und kunstvoll aus Holz geschnitzten Brüsten konfrontiert wird. Dazu liegt eine von Fudakowski verfasste erotische Erzählung aus, in der die Künstler Lee Lozano und Andy Kaufman ein heißes Zusammentreffen erleben. Auch in Berlin, so die Wettervorhersage, sollen die Temperaturen zum Ende des langen Gallery Weekends endlich wieder steigen.