Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Es war einmal ein Mädchen, das wachte morgens auf und war aus Papier. Das fühlte sich komisch an unter der Decke, es knitterte so. Da deckte das Mädchen sich auf und sah sich an: Sie war wirklich ganz und gar feines weißes Papier, bis zu den Zehenspitzen. Und als ein Morgenlüftchen durchs Zimmer strich, da wehte es sie zum Fenster hinaus, über die Dächer und Bäume und hoch zu den Wolken hin …" – "Und?", frage ich. "Wie geht’s weiter?"

Keines meiner Kinder will Schriftsteller werden, aber dieser Enkel liest den ganzen Tag und kann gut erzählen; seine Mutter bittet mich, ihn mitzunehmen, damit er auch mal rausgeht an die frische Luft. Ich will ihm das Draußen schmackhaft machen, wir wandern ein Stück über die kiefernbewachsenen Eiszeitdünen der näheren Umgebung. Sobald ihm das Draußen eine Art Drinnen geworden ist, ein sicherer Raum, beginnt er, mir die Geschichte zu erzählen, die ihm gerade einfällt. Und als ich nun nachfrage, wie es weitergeht mit dem Mädchen aus Papier, da sieht er mich an und schmunzelt. "So fragen meine Klassenkameraden auch immer, wenn ich ihnen auf dem Heimweg was erzähle." – "Und?", frage ich. "Gefällt dir das?" Er zuckt die Schultern, und ich erzähle ihm, dass es mir früher ebenso erging mit meinen Schulkameraden, die auf dem Heimweg einen Umweg machten, um meine unterwegs erfundene Geschichte zu hören. "Mir hat das sehr gefallen damals, es hat mir Spaß gemacht, Zuhörer zu haben, sie fesseln und bannen zu können. Ich hab mir was darauf eingebildet, dass unsere Deutschlehrerin meine Aufsätze vorlas. Hab immer gern Bücher gelesen, so wie du, hab gern erzählt, Erlebtes, Erlesenes oder Erfundenes. Bis ich davon leben und die große Familie ernähren musste. Von da an wurde mir Lesen und Schreiben zur Pflicht. Trotzdem: ein schöner Beruf, wenn auch nicht sehr einträglich, was mich betrifft. Aber man kann damit auch richtig reich werden. Weißt du schon, was du einmal werden willst? Du hast ja die Gabe."

– "Wieso denn 'Gabe', Opa? Von wem denn? Das klingt, als müsste ich mich bedanken bei jemandem. Als müsste ich da unbedingt was draus machen aus dieser Gabe …" Wir haben Aprilwetter, unversehens beginnt es zu regnen. "Jetzt würde dein Papiermädchen nass und schwer werden und zu Boden sinken …" – "Die ist längst in Afrika, wo es nicht regnet …" – "Eine begabte Luftseglerin. Da kann sie ja ihrem Schöpfer dankbar sein, dir nämlich. Und? Ist sie dankbar? Oder empfindet sie es als Last, aus Papier zu sein?" – "Ich weiß schon, was du sagen willst, Opa: Ich soll dankbar sein für meine Gabe und sie nicht jetzt schon als Last empfinden." Wir lachen.