Das Hole-in-one, auch kurz HIO genannt, gehört zu den unwahrscheinlichsten Ereignissen auf einem Golfplatz. Wie damit umgehen? Interessanterweise besteht noch nicht einmal Einigkeit darüber, ob der Glückliche bestraft oder belohnt werden sollte. Es gibt zwei entgegengesetzte Regeln. Die eine besagt, er müsse allen Mitspielern einen Drink ausgeben, was im Falle von Champagner, und sei es als Bestandteil eines Mixgetränks, schon beträchtlich ins Geld gehen kann. Dahinter steckt offenbar die Vorstellung, dass jemand, der den Zufall dermaßen privilegiert für sich arbeiten ließ, auch für die Inanspruchnahme eines solchen Schicksaldienstes zu büßen habe. Die Götter des Golfes müssen gewissermaßen durch ein Opfer beruhigt werden.

Die andere Regel verlangt von den Sponsoren des Turniers, ein Auto, eine kostbare Uhr oder dergleichen als Belohnung bereitzuhalten; das Glück soll also als ein persönliches Verdienst anerkannt und honoriert werden, entsprechend der berühmten Maxime des römischen Diktators Sulla, der zynischerweise meinte, auch Glück sei eine Begabung. In jedem Fall wird das HIO also in Geld umgerechnet, was in der kapitalistischen Gesellschaft natürlich seine Richtigkeit hat. Die Frage ist nur: Wer soll zahlen?

Wikipedia kennt verschiedene Berechnungen für die Wahrscheinlichkeit eines HIO unter Amateuren, sie liegen zwischen eins zu zehn- bis eins zu zwölftausend. Das macht die Sache für eine Versicherung interessant, und tatsächlich gibt es Agenten, bei denen Sponsoren oder Spieler eine Police gegen den plötzlichen finanziellen Aderlass finden. Philosophisch bemerkenswert daran ist, dass sich der Glücksfall hiermit versicherungstechnisch in einen Schadensfall verwandelt. Und vielleicht nicht nur versicherungstechnisch: Womöglich gibt es auch Golfer, die nachts aus dem Schlaf schweißnass emporschrecken, weil sie im Traum versehentlich auf hundert Meter und mehr das Loch getroffen haben, die Kreditkarte aber nicht gedeckt war beziehungsweise auch das Konto ein Loch hatte.

Ganz unberechtigt sind solche Albträume nicht. Die Statistiken wissen von zwei Blinden und einem über Hundertjährigen, die ein HIO erzielten. Vor dem Unglück des Glücks ist niemand sicher. Und was ist mit dem örtlichen Juwelier oder dem Autohaus um die Ecke, die sich den Werbeauftritt mit einem Preis für übernatürlich geschicktes Einlochen eigentlich gar nicht leisten können? Die tragische Dimension eines solchen Spekulierens auf die Gunst oder Ungunst des Schicksals offenbart sich so recht erst, wenn man die Problemlage auf andere Lebensbereiche überträgt. Gibt es eine Versicherung, die der jüngere Ehepartner gegen das unwahrscheinliche Überleben des viel älteren abschließt? Also eine Art Anti-Lebensversicherung, die nicht die finanziellen Folgen des Todes absichert, sondern das Ausbleiben des Erbfalls?

Oder, um beim leidigen Erbthema zu bleiben: Könnten sich Kinder dagegen versichern, dass der betagte Vater noch kurz vor dem Grab das Glück einer neuen Ehe mit der attraktiven Pflegekraft erlebt? Ein solches amouröses HIO, bei dem ein ganzes Vermögen in den Armen einer reschen und frischgebackenen Stiefmutter versenkt wird, ist deutlich häufiger als das HIO auf dem Golfplatz, entsprechend höher dürften die Versicherungsprämien sein, einmal ganz abgesehen von der mutmaßlichen Sittenwidrigkeit der Police.

Aber nehmen wir wieder besagtes Autohaus um die Ecke, das ja inzwischen kaum noch vom Neuwagenverkauf, sondern fast nur von Werkstattleistungen leben kann. Müsste es sich nicht eigentlich gegen übertriebene Zuverlässigkeit eines neuen Modells versichern? Was das Glück des Käufers wäre, würde dem Händler doch zum Nachteil gereichen. Und auch hier waltet oft der reine Zufall, der einem sonst klapprigen Modell die Gnade eines gänzlich schadensfreien Autolebens gewährt. Es ist der gleiche Zufall, der einem Blinden das HIO spendiert.

Was lehrt uns das? Unsere Gesellschaft ist nur aufs Misslingen oder Halbgelingen wirklich eingestellt. Das reine, unverdiente Glück des Zufalls schafft nichts als Schwierigkeiten.