Der Kirchentag gilt als Erfolgsgeschichte des deutschen Nachkriegsprotestantismus. Während die verfasste Kirche unter den Megatrends der Säkularisierung und Individualisierung leidet, scheint der Kirchentag davon unberührt. Alle zwei Jahre kommen über 100.000 Menschen zusammen, um zu diskutieren, zu singen und zu beten. Vielen Aktivisten erscheint der Kirchentag als bessere Kirche: Bewegung, nicht bloß Institution, Ort lebendiger Zeitansage, nicht bloß Verwalterin der Tradition. Partizipative Laienbewegung und zivilgesellschaftliche Lernwerkstatt, die die Milieuverengung der landeskirchlichen Kerngemeinden überwindet.

Der stete Publikumserfolg, das vielfältige Medienecho und das verlässliche Stelldichein politischer A-Prominenz nähren ein durchweg positives Selbstbild des Kirchentages. Doch wer genauer hinschaut, kann auch Selbstwidersprüche und lieb gewonnene Lebenslügen entdecken.

Im Kirchentag herrscht ein verzerrtes Kirchenverständnis vor. So mancher Funktionär in den vielen Leitungsgremien des Kirchentages hat ungeachtet der Zusammenarbeit mit der EKD beim "Reformationssommer 2017" ein eigenwillig verkrampftes Verhältnis zur verfassten Kirche. Man pflegt einen distanzierenden Habitus und hat Sorge vor einer "feindlichen Übernahme" durch das Kirchenamt. Der Kirchentag versteht sich, die evangelische Ämtertheologie und die synodale Kirchenleitung verkennend, als "Laienbewegung" – als ob die verfasste Kirche von einem Klerikerstand mit vorreformatorischem Amtsverständnis beherrscht würde.

Dabei lautet eine der zentralen Einsichten reformatorischer Theologie: Die sichtbare Kirche ist keine Heilsanstalt, sondern Mittel zum Zweck. Sie dient der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat sowie der Spendung der Sakramente. Nicht mehr, nicht weniger. Wo das geschieht, ereignet sich Kirche. In diesem Sinne ist der Kirchentag natürlich Kirche – keine alternative oder bessere, sondern "bloß" Kirche.

Gemeinden, kirchliche Dienste und Kirchentag sind tatsächlich eng miteinander verwachsen. Die für den Kirchentag entwickelten Musikformate und Veranstaltungsformen wie Bibelarbeiten, politische Nachtgebete und Kanzelreden sind schon lange kirchliches Gemeingut. Die EKD setzt, misstrauisch beäugt von so manchem Kirchentagsaktivisten, im Reformationsjubiläum ganz auf kirchentagsartige Eventinszenierungen. Wolfgang Huber oder Margot Käßmann wurden durch den Kirchentag bekannt und setzten ihre Karrieren im Bischofsamt fort.

Jenseits der Bewegungsrhetorik ähnelt der Kirchentag in der Organisationsstruktur verblüffend dem aus den Landeskirchen bekannten Gremienprotestantismus: Haupt- und Ehrenamtliche wirken zusammen, die Übergänge sind fließend, diverse Arbeitskreise und verschiedenste Leitungsgremien sind unübersichtlich ineinander verschachtelt. Auch von einem Aufbruch aus protestantischen Milieuverengungen kann keine Rede sein. Erhebungen zur Besuchersoziologie ergeben regelmäßig, dass der Kirchentag kaum Menschen anzieht, die nicht sowieso stabile kirchliche Beziehungen pflegen.

Die Ekklesiologie ist nicht der einzige Bereich, in dem Selbstbild und Realität auseinanderfallen: Der Kirchentag inszeniert sich als Ort staatsferner Zivilgesellschaft. Auf dem Markt der Möglichkeiten, auf Kleinveranstaltungen im offiziellen Programm oder in mehr oder weniger spontanen Parallelaktionen treten tatsächlich Basisgruppen jedweder Art in Erscheinung. In mildem Licht betrachtet ist ihr idealistischer Enthusiasmus liebenswürdig. "Salz der Erde" heißt es dann in der evangelischen Selbstbeschreibung.

Wer das Gespräch mit diesen Gruppen sucht, kann zuweilen aber auch an der vorherrschenden Geschmacksrichtung verzweifeln. "Empört euch!" lautet nicht nur die Parole heutiger Links- und Rechtspopulisten. Empörung ist schon lange auch eine treibende Kraft mancher Kirchentagsmilieus. Der Kirchentag ist auch ein Tummelplatz für protestantische Wutbürger, für sonderliche und unversöhnliche Eiferer und Rechthaber. Wenn die sich als Zivilgesellschaft verstehen, betonen sie nicht das Zivile im politischen Streit, sondern markieren ihre Distanz zu Trägern politischer Verantwortung. In ihrem manichäischen Weltbild steht das aus einem Ausgleich konkurrierender Interessen resultierende Staatshandeln geradezu für das Böse an sich.

In eigenwilligem Kontrast dazu pflegen die Leitungsorgane des Kirchentages enge Beziehungen zu den politischen Eliten des Landes, ja sie sind fester Bestandteil dieser. Ein Kirchentagspräsident wird Minister, ein führendes Mitglied des Bundestages wird Kirchentagspräsidentin. Auch im Bereich der Hauptamtlichen gibt es auffällige Drehtüreffekte. Die vormalige Studienleiterin wechselte ins Auswärtige Amt, die neue Generalsekretärin kommt aus dem Bundespräsidialamt, die bisherige wechselt in eine politische Stiftung. Daran ist nichts zu kritisieren. Wem etwas am Gemeinwesen liegt, hofft darauf, dass die Bestenauslese bei der Besetzung öffentlicher Ämter halbwegs funktioniert. Wem etwas am protestantischen Christentum liegt, hofft darauf, dass es auch gesellschaftliche Prägekraft entfaltet. Doch was soll dann die Pose des Kirchentages als basisorientierte Gegenmacht von "unten"?