Sogar Texas wird öko – Seite 1

Anfang dieser Woche trafen sich Hunderte Vertreter von Stromkonzernen, Solarfirmen, Anbieter von Windkraftanlagen und Investoren in New York zum Bloomberg Energy Gipfel. Die Stimmung war nervös. "Viel Geld ist in den vergangenen Jahren in erneuerbare Energie geflossen und jetzt herrscht enorme Unsicherheit", sagt der Analyst einer Beratungsfirma.

Der Grund dafür heißt: Donald Trump. Der US-Präsident sucht die Zukunft der Energie in der schmutzigen Vergangenheit: Öl und Kohle will er fördern, die Klimaerwärmung hält er für eine Erfindung der Chinesen, um die USA wirtschaftlich zu schwächen. Ende vergangenen Monats hat der Präsident angeordnet, die Emissionsbeschränkungen für Kraftwerke aufzuheben und damit Obamas größten umweltpolitischen Erfolg zu begraben. Der wollte damit die Auflagen des Pariser Klimagipfels einhalten.

Daran fühlt sich Trump wie an viele andere Vereinbarungen seines Vorgängers nicht gebunden. In dem Abkommen, dem 195 Länder beigetreten sind, verpflichtete sich die USA, bis 2025 die Emission von Treibhausgasen um bis zu 28 Prozent unter das Volumen von 2005 zu senken. Das Abkommen galt als historisch, weil auch China dem Vertrag beitrat. Bis Ende Mai will Trump seine Entscheidung verkünden, ob die Amerikaner aus dem Vertrag aussteigen.

Das Erstaunliche ist, dass nicht einmal die Öllobby Trump applaudiert. Ausgerechnet ExxonMobil – der einstige Arbeitgeber von Trumps Außenminister Rex Tillerson – schickte im März einen Brief ans Weiße Haus, in dem der größte private Ölkonzern den Präsidenten mahnte, das Pariser Abkommen schaffe "effektive Rahmenbedingungen, um die Risiken des Klimawandels anzugehen", und die USA seien "gut positioniert", um unter den Bedingungen wettbewerbsfähig zu sein. Jeffrey Immelt, Chef des Mischkonzerns General Electric, erklärte in einem Schreiben an die Mitarbeiter, Klimawandel werde am besten durch Vereinbarungen wie das Pariser Abkommen bekämpft.

Mit laxer Regulierung will Trump vor allem der krisengeplagten Kohleindustrie helfen. Doch selbst Vertreter von Kohleunternehmen sehen Vorteile in dem Pariser Abkommen. Der Chef des Kohleriesen Cloud Peak Energy empfahl statt einer Vertragskündigung Forschungsinvestitionen, um einen Weg zu finden, Kohle möglichst sauber zu verbrennen.

Gute Argumente für Klimawandel-Skeptiker

Selbst politisch ist Trumps Weg nicht opportun. Auch viele Konservative seien erneuerbaren Energien gegenüber nicht abgeneigt, sagt Debbie Dooley beim New Yorker Gipfel. Die Aktivistin war Mitbegründerin der ultrakonservativen Tea Party. Heute leitet sie die Organisation "Konservative für Energiefreiheit". Selbst wer nicht an einen menschengemachten Klimawandel glaube, so Dooley, lasse sich durch Argumente wie die Unabhängigkeit von ausländischem Öl und nationale Sicherheit überzeugen.

Die Energiewende ist auch in den USA kaum noch aufzuhalten

Bei einer Umfrage unter Wählern der Republikaner im Dezember gaben 75 Prozent der Befragten an, "Maßnahmen zur Weiterentwicklung und zum Ausbau von erneuerbaren Energiequellen" zu befürworten. Frühere Umfragen ergaben ein ähnliches Bild. "Die Stimme der Basis dringt langsam auch zu den Parteipolitikern durch", sagt Dooley.

Es könnte auch schlicht zu spät sein, um den Trend zu saubereren Energiequellen durch politische Hürden aufzuhalten. In der US-Energiebranche findet eine beschleunigte Umwälzung statt. Zwar beträgt der Anteil der erneuerbaren Energie an der Stromerzeugung nur 15 Prozent. In Deutschland sind es über 30 Prozent. Doch noch 2008 stammten lediglich 9 Prozent des Stroms in den USA aus erneuerbaren Quellen. Und der Ausbau von Wind- und Solaranlagen läuft ungebremst weiter. Sonnenenergie generiert bisher nur etwa ein Prozent der US-Stromproduktion, doch die Solarstromproduktion hat sich in nur zwei Jahren verdoppelt. Grund für den Boom sind die stark gefallenen Preise für Solarpanels. 2016 wurde etwa alle 84 Sekunden eine neue Solaranlage fertiggestellt, errechnete der Branchenverband Solar Energy Industries Association.

Ausgerechnet der Ölstaat Texas ist beispielhaft für den Vormarsch der Windenergie. Wäre Texas ein eigenständiges Land, wäre es nach Spanien der sechstgrößte Produzent von Windenergie. In der Heimat des Energieministers und früheren Gouverneurs von Texas, Rick Perry, stehen die größten Windkraftanlagen weltweit. Ausgerechnet Perry hat den Durchbruch ermöglicht. Er setzte den Bau von Hochspannungsleitungen durch, die den bevölkerungsarmen und notorisch windgeplagten Westen des Bundesstaates mit den Metropolen an der Küste verbinden. Die Milliardenkosten dafür legte Perry kurzerhand auf alle Stromkunden um. Fünf Dollar für die Überlandleitungen finden Texaner auf ihren monatlichen Abrechnungen.

Möglich war das, so Greg Wortham, Gründer des Beratungsunternehmens Texas Wind Energy Clearinghouse, weil Perry als Republikaner nicht im Verdacht stand, aus politischen Gründen zu handeln. Wortham glaubt, dass sich die Texaner von der Vorstellung verabschiedet haben, dass nur Öl und Kohle "patriotische" Energiequellen seien. "Was könnte amerikanischer sein als der Wind, der hier weht, oder die Sonne, die hier scheint?"

Konservative Gouverneure fördern Wind- und Solarstrom

So findet die Energierevolution ausgerechnet in den konservativsten Bundesstaaten statt. Bruce Rauner, der republikanische Gouverneur von Illinois, setzte kürzlich ein Gesetz durch, das nicht nur das Investment in neue Energien anspornen, sondern auch die Treibhausgasemissionen bei der Stromerzeugung um 56 Prozent reduzieren soll. Er ist damit ehrgeiziger, als Obama es je war. Und im Bundesstaat Michigan erhöhte der konservative Gouverneur Rick Snyder den Anteil, den Stromerzeuger mit erneuerbaren Energiequellen produzieren müssen.

Doch es regt sich auch Widerstand gegen den Vormarsch des Ökostroms – in Oklahoma beispielsweise. In diesem Bundesstaat läuft eine Förderpumpe sogar direkt vor dem Kapitol in Oklahoma City. Trumps Umweltminister Scott Pruitt war dort zuvor Generalstaatsanwalt und klagte damals gegen Obamas Emissionsbeschränkungen. Aber gleichzeitig legt die Windenergie in Oklahoma mit am schnellsten zu. Vergangenes Jahr hat der Präriestaat mit seinen installierten Windkraftkapazitäten sogar den Umweltvorreiter Kalifornien überholt. Google hat in Oklahoma in mehrere Windkraftanlagen investiert, um ein Rechenzentrum zu versorgen. Die erneuerbare Konkurrenz ist derart gewachsen, dass Vertreter der Ölindustrie ihren Einfluss bedroht sahen.

So zahlte Harold Hamm, der milliardenschwere Gründer des Ölproduzenten Continental Resources, eine aufwendige Anzeigenkampagne, die auf Plakaten Windräder zeigte, an denen auch die Flaggen Südkoreas und Deutschlands wehten. Er wollte darauf hinweisen, dass viele der Investoren und Zulieferer der Anlagen aus dem Ausland kommen. Hamm, der Trump im Wahlkampf beriet, zielte auf die Abschaffung der Subventionen für Windkraft ab – mit Erfolg: Vergangene Woche ließ Oklahoma Steuerfreibeträge für die Branche drei Jahre vor dem geplanten Termin auslaufen.

Doch es gibt ein Argument, das selbst Ölmilliardäre wie Hamm nicht leugnen können. Die erneuerbaren Energien bringen Arbeitsplätze. Der Preis für Erdgas ist auf historische Tiefstände gefallen, nachdem durch die Fördermethode Fracking neue Vorkommen erschlossen wurden. Entsprechend rüsteten die Stromerzeuger von Kohle auf Gas oder gleich auf Solarkraft um. "Das sind Jobs für Arbeiter, wie sie Trump in seiner Wahlkampagne versprochen hat", sagt die Tea-Party-Aktivistin Dooley. Und deshalb werde sich auch der Präsident zu den Erneuerbaren bekehren.