Chatham Islands, 18 846 Kilometer Luftlinie bis Berlin, 1. Januar 2017. Die Schafe blöken in der Morgendämmerung, die Muschelhörner tröten, und mein Bischofskollege singt in der Sprache der Maori. Sie klingt nicht wie erwartet blumig und exotisch, sondern eher kantig. Dazu fegt ein kalter Wind übers Grasland, treibt kleine langschnäbelige Hühner vor sich her: Das also sind Kiwis. Es ist fünf Uhr früh am Neujahrstag, wir feiern Morgenandacht auf einer Insel im Südpazifik, weil hier die Sonne zuerst aufgeht. Ich stehe mit den lutherischen Bischöfen von Neuseeland und Australien am Strand, meinen roten Anorak bis ans Kinn zugeknöpft, trotzdem friere ich. Und langsam, langsam kommt das Licht.

Nach dreißig Stunden Anreise habe ich zwar Mitternacht verschlafen und den Beginn des Reformationsjahres verpasst. Aber um halb vier brachte uns ein Bus in waghalsiger Fahrt hierher, an das Grab eines lutherischen Missionars aus Berlin. Fünf solcher Männer kamen 1840 mit Walfängerschiffen auf die Chatham Islands, ein halbes Jahr dauerte ihre Reise. Später folgten drei Krankenschwestern von der Berliner Charité, um mit den Missionaren Familien zu gründen, mitten im Nichts. Auch heute leben auf der Hauptinsel nur 600 Menschen, dafür gefühlt 600.000 Schafe (meine Jeans sind am Ende des Tages voll Mist).

Bekehrt haben die Missionare keinen einzigen Insulaner. Aber zu unserer Andacht sind einige ihrer Nachfahren gekommen, Verwandte der Maori, heimisch geworden am Ende der Welt: jenseits der Datumsgrenze, wo die Zeit beginnt. Wir stellen ein Handyvideo unseres Sonnenaufgangs ins Netz.

Berlin, April 2012. Mein neuer Titel lautet: Botschafterin des Reformationsjubiläums. Als unsere Kirche mich dazu ernannte, war gar nicht klar, wie weit ich reisen sollte. Die Aufgabe klang amtsmäßig: Für die Reformation werben! Also lud ich Protestanten aus aller Welt nach Deutschland ein, aber ermutigte sie auch, das Luther-Jubiläum zu Hause zu feiern. So bereiste ich in vier Jahren etwa 60 Städte in 34 Ländern, darunter Indien, Japan, Tansania, Mexiko, Guatemala, Frankreich, Italien, Schweden, Polen, Rumänien, Russland, die Schweiz. In manchen Ländern bin ich mehrfach gewesen, denn die Route richtete sich nach den Einladungen, die ich bekam. Allein sieben US-amerikanische Städte waren dabei: Chicago, Minneapolis, Kansas City, Houston, Atlanta, Washington und natürlich New York.

Zehn von sechzig Zielen

© ZEIT-Grafik

Freunde warnten, es sei gefährlich, allein nach, sagen wir: Costa Rica zu fliegen. Doch egal, wohin ich kam, immer stand da ein freundlicher Pfarrer und holte mich ab. Manchmal kam ich aus einer eisigen Stadt in eine heiße. Zweimal ging mein Koffer verloren, deshalb flog ich oft nur mit Handgepäck. Zur Standardausrüstung gehörten ein schwarzer Talar, schwarze Pumps, Akkus und als Gastgeschenk ein Playmobil-Luther, weil der so schön klein ist.

Die Bibel? Nahm ich auf dem iPad mit, dazu meine Predigten und Vorträge, Musik und Filme. Kurz bevor ich nach Japan aufbrach, fiel das iPad runter, der Bildschirm war hin. Ein Berliner Nerd reparierte das tatsächlich innerhalb einer Stunde. Und sonst? Eine Strickjacke konnte nie schaden. Natürlich flog ich Economy, denn es galt: Wer einlädt, zahlt.

El Salvador, 9618 Kilometer bis Berlin. Die Kirche von Bischof Medardo Gómez ist eher eine Baracke in einem der gefährlichen Viertel der Hauptstadt. Drinnen hängt ein Wandbild Luthers im Cranach-Stil, draußen passt unser Fahrer sehr auf das Auto auf. Es herrscht Angst. 16 Menschen werden in dem lateinamerikanischen Land täglich ermordet, trotzdem fühle ich mich sicher in der Gegenwart von Gómez.