Drei Hauptstädte in Osteuropa, drei ähnliche Szenen. In Budapest versuchen Demonstranten kurz vor Ostern, eine Polizeikette zu durchbrechen, um eine Europaflagge auf dem Parlament zu hissen. Dort, wo die Partei von Viktor Orbán mit großer Mehrheit regiert. Auf dem Platz der Helden erklingt Beethovens Ode an die Freude, die Hymne der Europäischen Union. Zehntausende lauschen ihr in Stille. Andrea Kóbor sitzt inmitten der Menge auf dem Sockel eines riesenhaften Denkmals. "Unglaublich", staunt sie. Die 28-Jährige gehört zu den Organisatoren der Proteste, die sich an einem neuen Hochschulgesetz entzündet hatten. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen die renommierte, vom US-Milliardär George Soros 1991 gegründete Central European University (CEU). Andrea Kóbor hat selbst an der CEU studiert. Sie weiß, wie wertvoll diese Institution für die jungen Ungarn ist. "Es ist eine der wenigen Möglichkeiten für uns, den Aufstieg zu schaffen." Aus Wut und Verzweiflung gegen die drohende Schließung der Universität richteten Kóbor und eine Handvoll ihrer Kommilitonen eine Facebook-Seite ein und riefen zu Protesten auf. Am ersten Tag kamen ein paar Tausend Demonstranten, am dritten waren es siebzigtausend.

In Bukarest versammelten sich Anfang des Jahres sogar mehr als eine halbe Million Menschen auf der Piata Victoriei. Ein rumänisches Unternehmen hatte kostenlos Europafahnen verteilt, Dutzende wehten über dem Meer aus Menschen. Schließlich in Belgrad, vor ein paar Tagen. Mitten hinein in den Lärm, der aus Tausenden Kehlen kommt, sagt Dimitri, ein junger Student, dass er an Europa glaube, an die Demokratie, die Menschenrechte und die Freundschaft zwischen den Nationen.

Ungarn - "Sie haben nun wirklich alle Prinzipien verletzt" Während der Debatte im EU-Parlament zur Situation in Ungarn wird die Politik von Viktor Orbán scharf kritisiert. Der fühlt sich unverstanden. © Foto: Europäisches Parlament

Budapest, Bukarest, Belgrad. Man könnte die Liste noch verlängern, auch in der slowakischen Hauptstadt Bratislava sind in der vergangenen Woche Tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die mutmaßlich korrupte Regierung zu demonstrieren. Wie ein Virus scheinen die Proteste im Südosten Europas von einem Land zum anderen überzuspringen. Dabei ist "Europa" selbst zu einem Kampfbegriff geworden. Nur richtet sich der Zorn der Straße hier nicht gegen die EU, sondern umgekehrt: Die Zornigen hoffen auf die Union und schwenken deren Fahne.

So groß die Unterschiede auch sein mögen zwischen Ungarn, das 2004 der EU beitrat, Rumänien, das 2007 folgte, und Serbien, das ein Beitrittskandidat ist, so klar ist der Zusammenhang. In all diesen Ländern droht die Rückkehr des Autoritarismus, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Und in all diesen Ländern wächst die Zahl derer, die dagegen kämpfen.

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In Rumänien gingen im Januar mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straßen Bukarests, dazu kamen Zehntausende, die in kleineren und größeren Städten des Landes demonstrierten. Die korrupte politische Kaste wollte sich per Gesetz gegen Ermittlungen immunisieren. "Hotii, Hotii", "Diebe, Diebe!", schrien die Massen. In Budapest wehren sich Zehntausende gegen die zunehmende Willkür Viktor Orbáns, die in dem Hochschulgesetz zum Ausdruck kommt. Tausende zogen durch die Straßen Belgrads und anderer serbischer Städte, nachdem Aleksandar Vučić Anfang April die Präsidentschaftswahlen in Serbien gewonnen hatte. Der Mann ist jetzt Premier und Präsident in einem. Die gleichgeschalteten Medien applaudierten. Die Demonstranten skandierten: "Vučić, Diktator!"

In den drei Ländern richten sich die Proteste gegen Regierungen oder Präsidenten, die demokratisch gewählt wurden. Aber ein Teil der südosteuropäischen Gesellschaften reagiert zunehmend allergisch auf die verschiedenen Formen des Machtmissbrauchs. Diese Wachsamkeit ist auch ein Erfolg der Europäischen Union und ihrer oft beschworenen Soft Power. Denn die Europaflaggen, die in Budapest und Bukarest wehen, sind ein Bekenntnis: Die Menschen, die hier demonstrieren, fühlen sich den Werten, auf denen die Union gründet, verpflichtet. Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung sind Standards, die in den noch immer jungen Demokratien Mittel- und Osteuropas weitaus weniger selbstverständlich sind als in anderen Ländern der EU.

Die Union verkörpert in diesen Ländern freilich nicht nur ein Ideal, sondern auch eine sich seit Jahren entfaltende Wirklichkeit. Die Freizügigkeit etwa hat es möglich gemacht, dass inzwischen mehr als drei Millionen der 24 Millionen Rumänen in anderen Ländern der EU Arbeit und Auskommen gefunden haben. Durch das Erasmus-Programm ist auch in Rumänien, Ungarn und der Slowakei eine ganze Generation von Studenten herangewachsen, die im europäischen Ausland studieren und Erfahrungen sammeln konnte – auch mit den Vorzügen freiheitlicher, rechtsstaatlich verfasster Gesellschaften.

Außerdem fließen jedes Jahr Milliarden Fördergelder aus Brüssel in Richtung Osten. Allein 2015 waren es 5,6 Milliarden Euro für Ungarn und 6,5 Milliarden für Rumänien. Auch der Beitrittskandidat Serbien bekommt über eine halbe Milliarde sogenannte Heranführungshilfe.